Sehr geehrter Herr Innenminister Wolfgang Sobotka,

momentan fällt es uns extrem schwer, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen und durch den Tränenvorhang durchzublicken.

Seit Mitte Jänner wohnen nun schon Mariam Alaskr Alkhalifa und ihr Mann Tagleb Alahmad Djammas bei uns in unserem Haus. Als Eltern wollten wir unseren Kindern stets vorleben, wie wichtig es ist, sich für andere einzusetzen, Menschlichkeit zu zeigen und nicht mit Scheuklappen durchs Leben zu gehen. Wir fühlten uns irgendwie verpflichtet, unseren Staat, der die Menschen auf einer Welle Solidarität hier in unserem wunderschönen Land empfangen hat, zu unterstützen und unseren kleinen Beitrag dazu zu leisten. Wir sind keine Sozialromantiker, uns ist schon klar, dass Österreich und Deutschland nicht alleine die ganze Last stemmen können. Aber diese Menschen sind jetzt nun mal hier und nun sollten wir sie fair und menschenwürdig behandeln. Die Willkommenskultur hat noch lange kein Ende gefunden, sie hat nur einen gewaltigen Dämpfer bekommen, von dem sie sich aber wieder erholen könnte.

Und daher haben wir vor mehr als 9 Monaten beschlossen einer uns davor völlig fremden Familie aus Syrien unsere Tür und vor allem unsere Herzen zu öffnen Und so wurde aus unserer bis dato 6 köpfigen Familie auf einmal eine 8 Köpfige. Wir verdanken es nicht zu guter Letzt unseren drei großen Kindern, dass wir diesen Schritt in das Unbekannte wagten. Unsere Familie wurde auf eine Weise bereichert, wie wir es nie zu hoffen gewagt haben. Wir haben wohl eines der warmherzigsten, offensten, liebenswürdigsten Ehepaare in unserem Haus und Herzen aufgenommen.

Was gibt es außerdem schöneres, wenn man zuschauen kann, wie traumatisierte Menschen langsam aufblühen, sobald sie Geborgenheit, Sicherheit und Zugehörigkeit spüren. Wenn sie wieder zu ihrem alten Selbst zurückkehren. Wir haben die beiden mühsam vom Boden aufgehoben und mit positivem Zuspruch, Warmherzigkeit und die Aufnahme in die Mitte unserer Familie wieder aufgebaut.
Und wir wurden reich belohnt. Mit extrem guten Essen. Mit Lachen. Mit Dankbarkeit. Mit Offenheit. Mit der Vergrößerung unserer Familie – unser jüngster Sohn hat jetzt einen zweiten Vater und eine zweite Mutter. Mit Freundschaft. Es würde noch so vieles mehr zu sagen geben.

Und nun stehen wir trotzdem hier. Vor einem riesigen Scherbenhaufen. Vor einem riesigen, bedrohlichen, dunklen Loch. Mariam und Tagleb sollen nach Kroatien abgeschoben werden.

Wissen Sie überhaupt, was das für die beiden bedeuten würde? Was das für uns bedeuten würde? Können Sie sich auch nur ansatzweise vorstellen, wie es ist, einen Teil der Familie auf diese Weise zu verlieren? Können Sie sich vorstellen, was es für ein Ehepaar heißt, zwei Mal innerhalb so kurzer Zeit alles zu verlieren, zum zweiten Mal vor den Trümmern der eigenen Existenz zu stehen und erneut in einem völlig fremden Land von Null beginnen zu müssen? Können Sie sich vorstellen, wie es sich anfühlt, sich völlig umsonst eine neue Existenz aufgebaut zu haben, eine neue Sprache gelernt zu haben? Können Sie sich vorstellen, wie tief das Loch ist, in das man in so einer Situation fällt? Vermutlich nicht. Darum beantworten wir jetzt diese letzte Frage für Sie. Das Loch ist definitiv tiefer als die Entfernung von der Erde zum Mars.

Und können Sie sich auch nur ansatzweise vorstellen, wie es ist, einen Teil der eigenen Familie so zerbrechen zu sehen? Können Sie sich vorstellen, wie man leidet, wenn ein Teil der Familie nur mehr als leere Hülle existiert, weil ihr die momentane Situation, die Ungewissheit so zusetzt? Haben Sie Ihrem 8 jährigem Sohn schon einmal erklären müssen, dass er nicht mit dem Präsidenten telefonieren kann, damit sein zweiter Vater und seine zweite Mutter hier bleiben können? Haben Sie einen 8 jährigen Sohn, der den Glauben an diesen Staat, an diese Welt komplett verloren hat? Wissen Sie, wie es sich für uns anfühlt, zu wissen, dass Mariam und Tagleb nie mehr die Früchte ihres Gartens, den sie so gepflegt und gehegt haben, ernten werden können? Dass die beiden bald nicht mehr an unserem Familientisch sitzen werden können? Dass Tagleb und unser Jüngster wohl nie mehr gemeinsam Legofilme im Fernsehen anschauen werden können, und dass es auch keine Tratschereien am Balkon mehr geben wird? Dass Mariam womöglich nie mehr am örtlichen Jogakurs teilnehmen kann? Dass die beiden ihre zahlreichen österreichischen Freunde vermutlich nie mehr sehen werden? Dass die beiden die Jobs, die ihnen nach positivem Bescheid schon fix zugesagt wurden, nie mehr antreten werden können? Dass man diesen Menschen vermutlich mehr geschadet als geholfen hat, indem man sie zu einem Teil der eigenen Familie werden ließ, denn so etwas werden sie wo anders nicht mehr so schnell erfahren?

Was zurückbleibt ist eine unerträglich große Ernüchterung. Eine Ernüchterung, dass sämtliche Bemühungen der beiden unsere Kultur und Sprache zu lernen völlig umsonst waren. Eine Ernüchterung, dass es völlig umsonst war, einem fremden Ehepaar seine Herzen und Türen zu öffnen. Was bleibt ist die Angst, dass sie und wir an dieser ganzen Situation so zerbrechen, dass es nie mehr heilen kann.

Sie und wir können und wollen nicht mit diesem Schmerz leben müssen. Daher bitten wir Sie inständig von der Möglichkeit des Selbsteintrittsrechts nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO Gebrauch zu machen und das Asylverfahren dieses Ehepaares, das zu unserer Familie wurde, in Österreich durchzuführen.

Herzlichst,
Christina Hochfellner

 

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