Gemeinsam stark!

Ein Rückblick auf unser Jahr 2015, oder ganz einfach: Was bisher geschah…

Der kürzliche Jahreswechsel lässt einen fast unausweichlich darüber resümieren, was man im alten Jahr erlebt, gesehen und getan hat. In unserem Fall können wir, das Team von BORDERLESS, zwar erst auf ein halbes Jahr gemeinsamer Erlebnisse zurückblicken; dennoch fällt es uns bereits jetzt nicht mehr leicht, noch einmal alle Eindrücke zu sammeln. Es ist einfach unglaublich, wohin uns die Reise seit August geführt hat … hier ein kleiner Rückblick ohne Anspruch auf Vollständigkeit: August 2015- Traiskirchen und die prekäre Lage im dort ansässigen Erstaufnahmezentrum waren täglich Thema in fast jeder Tageszeitung und Nachrichtensendung. In Graz beschließt eine kleine Gruppe rund um die Geschwister der Familie Hozić Sachspenden zu sammeln und einzukaufen und mit einem Transporter nach Niederösterreich zu bringen. Über die sozialen Medien werden weitere HelferInnen und vor allem Spenden jeglicher Art lukriert, wobei die Dimension der Spendenfreudigkeit alle Beteiligten im positivsten Sinne überrascht hat. Die Lagerkapazitäten im Transport-LKW waren schnell überschritten und so wurden aus einer geplanten Fahrt nach Traiskirchen mehrere Fahrten innerhalb weniger Tage an verschiedene Orte, an denen besonders hoher Hilfsbedarf bestand (Salzburg, 4x Wien, Nickelsdorf, Traiskirchen etc.). Schnell war klar, dass aber auch nach diesen Fahrten nicht Schluss sein würde und die Gruppe der Helfenden wurde zunehmend größer. Die Kommunikation untereinander fand mittlerweile bereits in einer eigenen WhatsApp-Gruppe statt und kaum jemand kannte zu Beginn alle Gesprächspartner auch persönlich, was immer wieder zu lustigen Anekdoten und Überraschungsmomenten bei Live-Begegnungen führte. Die Suche nach einem geeigneten Gruppennamen führte in scheinbar weiser Voraussicht auf die zukünftigen Ereignisse und „baulichen Maßnahmen“ im In- und Ausland zum Namen BORDERLESS. Ein Teil der Gruppe machte sich Mitte September in Kooperation mit dem Graz:Spendenkonvoi zwei mal ein Bild vom (mittlerweile nicht mehr existierenden) Flüchtlingslager in Röszke an der serbo-kroatischen Grenze sowie vom Bahnhof in Budapest und kehrte mit Eindrücken zurück, die sich nur schwer verarbeiten ließen. Ein anderer Teil kümmerte sich zu diesem Zeitpunkt um die bereits in Österreich angekommenen flüchtenden Menschen, die sich in den Transitlagern am Schwarzlsee (mittlerweile Erstaufnahmezentrum) und in der ehemaligen Praktikerhalle (Euroshopping, Webling) auf die Weiterreise Richtung Deutschland, Schweden, England etc. warteten.

Am 13. September 2015 fiel der Startschuss für ein ganz besonderes Kapitel der bislang kurzen, aber intensiven BORDERLESS- Geschichte. Durch einen Zufall erfuhren wir von der Ankunft mehrerer Busse am Grazer Hauptbahnhof und organisierten mit Hilfe der MJÖ, des IKZ und dem Verein Takva in Windeseile Lunchpakete, um die hungrigen, ausgelaugten Menschen zumindest mit dem Nötigsten für ihre lange Weiterreise zu versorgen. Es war uns zum damaligen Zeitpunkt noch nicht klar, aber der Hauptbahnhof wurde fortan für mehr als 8 Wochen, in teilweise 24-Stunden-Diensten, zu unserem Haupteinsatzort und wir konnten dort in guter Zusammenarbeit mit den ÖBB zigtausende flüchtende Menschen mit Dolmetscherdiensten, Essen, Wasser, heißem Tee und Milchfläschchen für die Babys versorgen; vielen besonders Bedürftigen konnten wir auch Decken, Kleidung und Schuhe anbieten. Besonders gefreut hat uns, dass wir auch mehrmals bei der Zusammenführung von Familien, die sich auf der beschwerlichen Flucht verloren hatten, behilflich sein konnten. Um insbesondere Kinder und Familien nicht am kalten Bahnhof übernachten zu lassen, wurden mehrmals auch spontan Unterkünfte organisiert oder einzelne Teammitglieder luden Flüchtende zu sich selbst nachhause ein. Vizebürgermeisterin Martina Schröck stattete persönlich einen Besuch ab und brachte kleine Geschenke vorbei. Auch Landtagsabgeordnete Doris Kampus und Sandra Krautwaschl verschafften sich einen Überblick über unsere Freiwilligenarbeit am Grazer Hauptbahnhof. Weiters besuchten uns mehrfach der ORF, Al Jazeera und Vertreter von Printmedien wie z.B. der Kleinen Zeitung, die uns auch tatkräftig bei Spendenaufrufen unterstützte und unsere „Update Listen“ auf ihrem Online-Portal veröffentlichte. Auch die Unterstützung vieler helfenden Hände außerhalb der BORDERLESS-Kerngruppe wird uns immer in wunderbarer Erinnerung bleiben.
Ein spezielles Highlight, besonders für die Kinder, war das Maskottchen der GrazGiants, das wir uns für mehrere Tage ausborgen durften und das jedes Mal mit großer Begeisterung im Nordtunnel empfangen wurde. Sehr gefreut haben wir uns auch über die Unterstützung einiger Grazer Gastronomen, die die HelferInnen am Bahnhof mehrmals unentgeltlich mit Pizza o.ä. versorgten. Parallel zu unserem rund-um-die-Uhr Einsatz am HBF waren Teile der Gruppe auch weiterhin punktuell an anderen Hotspots tätig, unter anderem mehrmals in Spielfeld, das mittlerweile zum neuen Nickelsdorf geworden war.

BORDERLESS wurde im Herbst von namhaften GrazerInnen für den Menschenrechtspreis der Stadt Graz nominiert. Gewonnen hat zwar ein anderes Projekt, aber wir durften uns indes über die Couragette, eine Auszeichnung der Grazer Grünen, bei der BORDERLESS den Jurypreis gewann, freuen. Das Preisgeld in Höhe von 3.500 Euro kam gerade zum richtigen Zeitpunkt und wurde sofort in Hilfsgüter investiert. Ende Oktober überraschten uns junge, engagierte Mitmenschen mit der Idee ein Spendenkonzert zu veranstalten, bei dem der Erlös BORDERLESS und somit wiederum bedürftigen Flüchtenden zugute kam.

Anfang November wurde uns bewusst, dass eine zeitlich flächendeckende Versorgung des Bahnhofs für uns langfristig nicht möglich sein würde, weshalb wir den kontinuierlichen Einsatz dort schweren Herzens beendeten. Stattdessen wurde im Gruppenkonsens beschlossen, dass wir uns in weiterer Folge vordergründig um die Versorgung von bereits in Graz und der Steiermark lebenden geflohenen Menschen kümmern wollen. Dabei handelt es sich zum einen um die BewohnerInnen des Erstaufnahmezentrums am Schwarzlsee, zum anderen um die BewohnerInnen diverser Heime (unter anderem UMF-Heime), wie auch um Familien, die in privaten Unterkünften untergebracht sind. Derzeit betreut unser Team etwa 35 Familien. Wir bemühen uns bei der Versorgung von Mehl und Salz, über Gewand und Schultaschen bis hin zu Sofas und Waschmaschinen alles zu organisieren, was nötig ist. Neben dieser Tätigkeit organisier(t)en oder beteilig(t)en wir uns auch weiterhin an Fahrten zu diversen Hotspots (z.B. Unterstützung des Graz:Spendenkonvoi bei Fahrten nach Italien nach Gorizia und Udine und auch an die kroatisch-slowenische Grenze Dobova).Bis zum heutigen Tag waren unsere Teammitglieder im Rahmen von BORDERLESS- Einsätzen rund 8.000 km im In- und Ausland unterwegs.

Mitte Dezember riefen wir zur Abgabe von diversen Sachspenden für die oben genannten Versorgungstätigkeiten auf und freuten uns ein weiteres Mal über die hohe Beteiligung. Es ist schön zu wissen, dass die Hilfsbereitschaft nicht abnimmt, auch wenn die mediale Präsenz des Flüchtlingsthemas mittlerweile trotz oder gerade wegen der annähernd gleichbleibenden Umstände deutlich abgenommen hat.

Jeder, der uns bis jetzt geholfen hat, sei es durch einen persönlichen Einsatz am Bahnhof, durch die Abgabe einer Sachspende oder durch Mithilfe bei Transportdiensten, hat einen Teil zu diesem Jahresbericht beigetragen. Gemeinsam können wir etwas bewegen, gemeinsam sind wir stark! Eigentlich wäre es wünschenswert, dass unsere Hilfe im nächsten halben Jahr nicht mehr benötigt werden würde. Aber realistisch betrachtet wird BORDERLESS auch 2016 wieder einiges zu berichten haben.

Text: Fiona Pichler

Ein herzliches Dankeschön für die bisherige Unterstützung geht an:
Islamisches Kulturzentrum Graz
Muslimische Jugend Österreich – Steiermark (MJÖ)
Verein Takva
Graz:Spendenkonvoi
Junge Generation Steiermark – SPÖ Graz
Sektion Mur
Salt + Solace via Josephine Greenbook
Die Grazer Grünen
Die Grünen Gratwein-Straßengel
UMF-Heim Toscana
Vöslauer
Train of Hope – Hauptbahnhof Wien #hbfvie
MigrantInnenbeirat Graz
BBRZ – Beruflich wieder am Ball
Netconomy Software & Consulting GmbH
Verein SOMM
Verein Gib mir deine Hand
Border Crossing Spielfeld
AAI – Afro-Asiatisches Institut Graz
Train of hope Graz
Refugees on the Run – FH JOANNEUM cares
HELMUT-LIST-HALLE Graz
NXP Semiconductors
Flüchtlinge – Willkommen in der Steiermark
Flüchtlinge Willkommen Österreich
Kapadokya Kebap
Best Food Grill
Caravan of Mercy
Udruženje Bošnjaka Štajerske – Dzemat Bosnjak
Be AID Austria
Graz Giants
Kleine Zeitung
Afrikanische Kirche Graz
Feuerwehr der Stadt Graz

und an viele, sehr viele Einzelpersonen!

 

Der Jahresbericht wurde verfasst von Fiona Pichler

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