Besuch in Stockerau

Dieses Wochenende fuhr ich zur jährlichen Klausur nach Stillfried. Dort ist es tatsächlich still und friedlich. Keine Nachrichten von Zäunen und frierenden, wartenden Menschen dringen zu uns durch. Alles ist wie jedes Jahr – wir besprechen das kommende Jahr, gehen To-Do-Listen durch, kuscheln uns am Sofa zusammen und genießen Kaminwärme. Ein Paralleluniversum mitten in Österreich, so möchte man meinen. Aber wo beginnt die Welt der einen und wo endet die der anderen? Noch immer tun viele von uns so, als hätten jene, die zu uns kommen, die heute Nacht wieder an den Grenzen warten, nichts mit uns zu tun. Wir haben Angst, wir haben Mitleid –  wir schauen weg, wir helfen, wir kommen nach Hause und sind dankbar für das, was wir haben, wir haben Angst, dass sich unser Leben verändern könnte, wir haben ein „mulmiges Gefühl“, wir sind zuversichtlich, wir geraten aufgrund der Furcht der anderen in Panik. Wir lachen, wir weinen, aber anders als gestern – alles ist ein bisschen intensiver geworden seit Mai, so kommt es mir vor.

Dieses Jahr braucht es keine Gruselfilme, das Grauen findet vor unserer eigenen Haustür statt. Kinder, die in Kartons übernachten, Menschen im Niemandsland, ohne Nahrung und Schutz, brennender Müll flackert gegen den nächtlichen Himmel als einzige wärmende Quelle. Spielfeld – das war doch immer der Ort, an dem es in den Urlaub ging?

In Stillfried glänzt das Laub in allen Farben. Die Felder, an denen wir vorübergehen, sind abgeerntet. Erntedank. Auch so ein Fest im Herbst. Ein Fest, das vor lauter Gruselsucht immer mehr in Vergessenheit gerät. Warum die Menschen, die zu uns kommen, nicht hoffnungsvoll als Samenkörner sehen, statt Zäune zu bauen und Horrorgeschichten von geplünderten Supermärkten zu erfinden?

Natürlich kann man Samen nicht einfach auf die trockene Erde streuen. Und natürlich wird trotz bester Pflege nicht aus jedem Korn eine saftige Ähre. Hört der Bauer deswegen auf, zu säen? 

Ein befreundeter Autor fragt mich gerne: Wo liegt dein Ziel? Und woran wirst du erkennen, dass du dein Ziel erreicht hast? Ich würde diesen Satz gerne an ein paar Politiker richten. Ich möchte wissen, wo ihr Ziel liegt und woran sie erkennen werden, dass sie dieses Ziel erreicht haben.

Heute reisen wir früher als in den Jahren zuvor aus Stillfried ab. Ich habe meine Freunde gebeten, am Heimweg den Umweg über Stockerau zu nehmen. Ich gebe die Adresse in mein Smartphone ein, die harte Computerstimme leitet uns von Deutsch Wagram zum Georg Danzer Haus, das sich in einer Gasse befindet, die schöner nicht klingen könnte: Unter den Linden. Eine Allee mit herrschaftlichen Häusern tut sich vor uns auf. „Wow – ist es da schön“, kommentiert meine Freundin. Die Nummer achtzehn ist ein modernes Haus. Ein afghanischer Junge biegt auf dem Rad in die Zufahrt ein. Georg Danzer wäre stolz.

Mit vollbepackten Händen überqueren wir die Straße. Diesmal haben wir keine Kleidung mit, sondern Süßigkeiten, Trockenfrüchte und Geschenke. Sogar einen Adventskalender haben wir dabei. Ist doch egal, denke ich mir, ob M. die Schokolade schon im November nascht oder im Dezember, das darf er selbst entscheiden. Dieses mir bis vor kurzem noch so fremde Ding namens „Mutterherz“ schlägt wild in meiner Brust. Seit Tagen schon  bin ich aufgeregt. Bis auf zwei kurze Begegnungen am Hauptbahnhof Graz und in Traiskirchen haben M und ich einander nie persönlich gesehen.

Und da stehe ich nun. In meiner Hand die lustige Tasche, in der Box einen kleinen Teddybären, der vielleicht gar nicht zu einem 14jährigen passt.

M. kommt mir entgegen – in T-Shirt und Shorts, denn es ist warm im Haus. Nicht so kalt wie in Traiskirchen, denke ich, und muss an M.s Freund denken A., der sich vor 2 Wochen an mich wandte und mit dem ich seitdem in Kontakt bin. Wie gerne wüsste ich auch ihn hier.

Das Georg Danzer Haus unter den Linden beherbergt 12 Jungs. M. führt mich herum, die Burschen putzen gerade, sie lächeln mir entgegen, grüßen, winken. M. zeigt mir sein Bett, sie sind zu fünft im Raum, aber da sind keine metallenen Stockbetten, sondern bequeme Holzbetten in Nischen, mit bunter Bettwäsche, an der Wand hängt eine Gitarre. 

Gemeinsam spazieren wir durch den Ort, meine Freunde vorne weg, ich mit M. hinterdrein. Da ist gar keine Befangenheit mehr. M. plaudert munter vor sich hin. In Zukunft werden wir auch am Telefon wissen, worüber wir reden, denn ich kenne nun seine Hobbys, ich kenne seinen Tagesablauf, sogar von seiner Flucht erzählt er mir und von den Jugendlichen, die bereits beim Handwurzelröntgen waren. Insgeheim frage ich mich, wie es ein, zu Beginn der Flucht noch 13jähriger, Junge schafft, über den Iran nach Europa zu kommen. Er ist so mutig, mein „Kleiner“.

M. erzählt mir von seinen jüngeren Geschwistern. „Wenn ich Asyl bekomme, dann werde ich sie nachholen“, sagt er. Und wieder muss ich an die Zäune denken. An verschärfte Gesetze, die ausgearbeitet werden sollen. Denn unser „Boot“ ist ja voll, so heißt es.

Stockerau ist ein nettes kleines Städtchen. „Voll“ ist es nicht. Wie viele solcher kleinen Städtchen hat Österreich? Wie viele solcher Georg Danzer Häuser hätten in diesen Städtchen Platz? Wie viele Neuanfänge könnten hier nicht alle gelingen, wie viele „Samen“ aufgehen.

Ich kann mich nicht satt sehen an M.s Lächeln, das gerade an der Schwelle zwischen Kind und Erwachsenwerden steht. Ich kann mich nicht satthören an seinen Zukunftsplänen. Ich kann mich nicht sattträumen an Bildern, die in der Ferne liegen.

 „Eine Fahrt von Wien nach Graz kostet mit dem Bus nur zehn Euro“, sagt M. mit einem schüchternen Lächeln. Dass er Graz gern einmal sehen würde, er habe damals ja nicht viel gesehen. Und da denke ich: Kinder haben schließlich Ferien. Auch Kinder, die in UMF Heimen wohnen. Und warum sollten die nicht eine „Tante“ in Graz besuchen dürfen, wenn sie das im Sommer für ein paar Tage wollen.

Wieder im Auto schreibe ich an A. Schicke ihm ein Foto vom Nachmittag in Stockerau und ein paar Zeilen . Während ich schreibe,  ertönt  ein Lied aus dem Autoradio: Ich träumte von weißen Pferden. „Georg Danzer!“, rufen meine Freunde im Chor und lachen. Ich wechsle zu You-Tube, kopiere den passenden Link und schicke ihn an M. Das war Georg Danzer, schreibe dazu. Dabei habe ich in Stockerau, als M. mich fragte, ob ich den Musiker kenne, an ein ganz anderes Lied denken müssen. Aber das will ich M. nicht schicken. In ein paar Jahren vielleicht … wenn wir zurückdenken an das Jahr 2015. Wenn der „ Samen“, für den ich ein bisschen Sonnenschein und Wasser sein darf, eine kräftige Pflanze sein wird – in einem Land namens Österreich. 

(1.11.2015)

* M. und ich haben einander am 24.9. am Bhf Graz kennengelernt. Vom Bahnhof wurde er von einer Borderless Kollegin in die Schwarzlhalle gebracht. Von dort nach Webling, schließlich landete er in einem der Zelte in Traiskirchen. Von dort ging es weiter nach Korneuburg. Das Land Stmk hazte bereits zugestimmt, M. im Haus Toskana/Grazwein aufzunehmen. Ein paar Stunden bevor wir das erfuhren, war M. schließlich ins Georg Danzer Heim gekommen. M. hatte Glück. In Traiskirchen warten viele Jugendliche viele lange Monate auf einen Platz.

Wenn man in einer Bahnhofshalle auf einen Jugendlichen trifft, kann diese Begegnung lebensverändernd sein.

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