Warmer Tee und Hilfe für ein leukämiekrankes Mädchen

Die Information, dass sich die Flüchtligsroute geändert hat, hat sich endgültig bestätigt. Nachdem Ungarn seine Grenzen geschlossen hat, kommen die Flüchtenden nun über die slowenisch-österreichische Grenze zu uns. Für uns Steirer ändert sich dadurch viel – auch und vor allem für das Borderless Team. Am Hauptbahnhof scheint die Lage ruhig, ich nehme Kontakt mit Spielfeld auf. Mir wird mitgeteilt, dass die Hilfe des Borderless-Teams an der Grenze hochwillkommen ist. Unsere gute Koordination, Organisation und Arbeit hat sich also herumgesprochen.

Es ist Samstag Mittag. Nachdem wir auch heute wieder hunderte Flüchtende am Hauptbahnhof Graz versorgt haben, besprechen wir, wie wir vorgehen wollen. Wir beschließen, ein Bereitschaftsteam am HBF Graz zu lassen und einen anderen Teil der Gruppe nach Spielfeld zu entsenden. Endlich kommt auch der Anruf von Doro, unserer Kollegin in Spielfeld. „Senida, heute Abend kommen 1500 Flüchtende an“, teilt sie mir mit.

Schnell fahren wir nach Hause und holen unsere Pässe, denn wir sind nicht sicher, ob wir die Grenze nicht übertreten müssen. Die Kinder werden schnell zur Oma gebracht, danach geht´s zum Spendenlager beim Islamischen Kulturzentrum. Davor noch ein schneller Einkauf beim Hofer – Regale mit Müsliriegeln, Milchbrötchen und anderen haltbaren Lebensmitteln werden leergeräumt.
Anna ruft an. “Wir haben 91 Decken beim IKEA gekauft, wir kommen gleich zum IKZ“, sagt sie, allerdings würden sie sich etwas verspäten. Die Dame an der Kasse habe tatsächlich jede einzelne Decke eingescannt und ihre Tätigkeit mit dem Kommentar: “Sind die alle für die Asylanten?“ versehen.

Hesham, Sedin und Muhammet sind ebenfalls auf dem Weg. Ermin besorgt Kebap und weitere Lebensmittel in einer anderen Hofer-Filiale. Auch 500 Lunchpakete, die von der MJÖ sorgfältig vorbereitet wurden, nehmen wir mit. Wir sortieren und packen. Schließlich fahren wir zu neunt in 3 vollbepackten PKWs los. Kurz vor der Grenze wartet Doro auf uns, wir schließen uns ihrem Team an und kommen mit der Erlaubnis des Roten Kreuzes nach einem kurzen Briefing in die „gesperrte Zone“.

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300 Flüchtende sind bereits mit Bussen zum Transitlager Euroshopping in Graz gefahren. Es ist ruhig, nur ein paar Flüchtende sind vor Ort, die Müdigkeit hat sie im Zelt einschlafen lassen. Vor 15 Minuten hätten 1500 eintreffen sollen. Wir warten. Man teilt uns mit, dass die Flüchtenden wohl erst in etwa 90 Minuten kämen. Hesham und Anna fahren inzwischen nach Maribor zum Bahnhof und halten auch unterwegs nach Flüchtenden Ausschau, um ihnen zu helfen. Wiederum ändern sich die Informationen an der Grenze. Nun heißt es, die Flüchtenden würden erst ab 23:30 ankommen, jeweils zu 150 Personen, im 30 Minuten-Takt.

Wir sprechen mit dem Einsatzleiter des RK und bitten, Tee für die Ankommenden aufzustellen. Schnell sind Behälter da, wir bereiten alles vor.

Die ersten Flüchtenden kommen. Sie werden registriert und herzlich von uns begrüßt: „Ahlan wa sahlan“ – Herzlich Willkommen. Wir drücken ihnen einen Becher heißen Tee in die kalten Hände. Am Versorgungszelt des RK bekommen die Flüchtenden Lebensmittel, auch die, die wir mitgenommen haben, sind darunter. Danach warten die Menschen in den Zelten auf die Busse, die sie in die Transitlager bringen sollen. Martina und Amira vom Graz:Spendenkonvoi sind ebenfalls vor Ort und kümmern sich um die Ankommenden. Es sind fast ausschließlich Familien gekommen, sehr viele Kinder, sehr, sehr viele Neugeborene und ältere Menschen, auch im Rollstuhl oder mit Gehstock.

Ich werde von einer Mutter gefragt, ob ich nicht eine Jacke und Haube für ihr 6 Monate altes Baby hätte, andere fragen nach festen Schuhen, da sie in Flip-Flops kamen. Wiederum andere fragen nach Feuchttüchern, Babynahrung und Windeln. Wir teilen aus, was wir finden können, fragen uns weiter durch, schauen nach, wo unsere Hilfe am meisten benötigt wird. Mehrere Rettungswägen werden bestellt, da viele der Ankommenden krank sind, einige leiden unter Bluthochdruck, eine Schwangere im 9. Monat kollabiert …

150 Liter Tee werden ausgeschenkt. Noch nie habe ich eine solche Freude allein wegen eines Bechers Tee erlebt ….

Muhammet, Okan und ich besprechen gerade den weiteren Vorgang, als Jasmina auf uns zugerannt kommt. Sie hat von einem jungen Ehepaar einen Zettel in die Hand gedrückt bekommen. Geschrieben von einem Arzt in Preševo an der serbischen Grenze. Das 3 jährige Kind des Paares sei an Leukämie erkrankt und müsse so schnell wie möglich ins Krankenhaus, da seine letzte Behandlung bereits fünfzehn Tage zurück liege. Muhammet, Okan und ich schauen einander an. Schnell rufen wir Hesham, er kann nicht nur die Sprache, er ist außerdem Medizinstudent. Er soll für uns übersetzen. Als ich ihm das Schreiben überreiche, verschlägt es auch ihm die Sprache.
“Hesham frag sie erst mal ob sie überhaupt wissen, was auf diesem Zettel steht“, sage ich.
Ja, sie wissen es. Wir bitten sie, erst einmal im warmen Zelt Platz zu nehmen, während wir das Rote Kreuz und die Polizei informieren. Die Mitarbeiter sind sehr entgegenkommend. Gemeinsam erreichen wir, dass die Familie so schnell wie möglich nach Hamburg kommt, wo über Freunde bereits Kontakt mit einer Klinik aufgenommen wurde. Die Ärzte dort wissen Bescheid und warten bereits – denn im Kampf gegen den Krebs zählt jeder Tag.
Diese Nacht in Spielfeld wird für uns immer geprägt sein von der kleinen Saad – dem leukämiekranken Mädchen.

Uns bleibt nur, den Eltern eine gute Reise und alles erdenklich Liebe zu wünschen, bevor wir um 5h morgens aus Spielfeld abfahren.

Wir bedanken uns bei Doro und ihrem Team, Amira und Martina vom Graz:Spendenkonvoi, Muslimische Jugend Österreich, Islamisches Kulturzentrum Graz, dem Rotes Kreuz, der Polizei und dem Bundesheer für die tolle Zusammenarbeit.

Spielfeld, wir kommen bald wieder … !

Senida Alibegović

Fotos Ⓒ Borderless

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