Das UMF-Heim Toscana in Gratwein ist ein ganz besonderes – mit einem ganz besonderen Mann, der die Jugendlichen betreut: Günther Gruber. Allein wenn man die Toscana-Facebookseite verfolgt, spürt man sofort: Dort wird versucht, den Jugendlichen ein unbeschwertes Leben zu ermöglichen. Soweit man das Leben der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge als unbeschwert bezeichnet werden kann.

Nachdem mir unser M. eine Nachricht und Bilder aus Korneuburg geschickt hatte, nachdem wir sahen, dass er wieder in einem „Durchgangsheim“ gelandet war, wandte sich Senida an Günther Gruber – ob es denn nicht möglich sei, unseren M. nach Gratwein zu holen.

Günther schrieb retour: Bei mir wird bald ein Platz frei – und zwar am 13.Oktober.

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Einen UMF von Niederösterreich in die Steiermark zu holen, heißt aber auch, dass das Land Steiermark die Kosten übernehmen muss. Wenn die Steiermark zustimmt, wird ein Ansuchen an das Land NÖ gestellt. „Zu viele Köche verderben den Brei, lasst mich das machen und entspannt euch“, schrieb Günther und versprach, sich für unseren M. einzusetzen.

Masi, die mir als Übersetzerin für Farsi zur Seite stand, fragte: „Sag mal, glaubst du, dass wir auch einen anderen Jungen nach Gratwein holen können?“ Mehdi habe eine Tante in Graz. Da sie mit ihren Kindern in einer sehr kleinen Wohnung lebe, könne sie den Jugendlichen nicht bei sich unterbringen, aber Mehdi sei sehr unglücklich, von ihr getrennt zu sein. Er würde sich so freuen, in ihrer Nähe wohnen zu können. Zu diesem Zeitpunkt saß der Siebzehnjährige in Klosterneuburg.

Was tun? Oh weh, jetzt wird es kompliziert. Wir können doch nicht alle zu unserem lieben Günther holen –  zumal jeder weiß: Das Heim kann man sich im Normalfall nicht aussuchen. 

Wir mussten Masi vertrösten: Warten wir mal ab. Jetzt kümmern wir uns um M. und schauen, ob wir es überhaupt schaffen, ihn in die Stmk zu holen. Und sollte es klappen und im Haus Toscana wieder ein Platz frei werden, können wir ja fragen, ob man für einen weiteren Jungen eine Ausnahme machen kann.

Dann überschlugen sich die Meldungen. Senida schrieb, Günther Gruber habe grünes Licht bekommen, unseren M. nach Gratwein zu holen. In derselben Stunde erfuhr ich über unseren Facebook-Chat, M. sei in einem Heim in Stockerau untergekommen. Da ich mein Herz bereits sehr an M. gehängt hatte, bedeutete die Gleichzeitigkeit dieser Meldungen eine ziemliche Überforderung für mich. Ich hörte, M. sei in ein wirklich schönes Heim gekommen. Aber war er glücklich dort? Jetzt, wo ich tatsächlich die Möglichkeit hatte, ihn in meine Nähe zu holen, fiel mir das Loslassen noch schwerer.

„Schau mal, Margarita. M. geht es gut und jetzt haben wir die Chance, Mehdi herzuholen. M. wird sich eingewöhnen. Mehdi aber hat eine Tante hier und würde in NÖ immer unglücklich sein, sogar im schönsten Heim“, holte mich Senida wieder in die Realität zurück.

Jetzt galt es herauszufinden, wo genau sich Mehdi befand. War es bereits ein fixes UMF-Heim oder befand er sich – wie M. in Korneuburg – in einem vorübergehenden Heim und wartete erst auf eine fixe Zuteilung?

Im Gegensatz zu M. spricht Mehdi kein Englisch.  Es ist schwer, von den Jugendlichen etwas zu erfahren. Sie wissen nur selten die Adresse ihres Hauses, noch kennen sie die Unterschiede zwischen den UMF Heimen. Wie denn auch –wenn dies sogar für mich Neuland ist?

Wie bei M. versuchten wir, über das Telefon unseres Schützlings an das Personal zu kommen (denn eine Nummer fanden wir im Telefonbuch in beiden Fällen nicht). Das heißt, man ist abhängig von der Hilfsbereitschaft des Personals – das allerdings so gut wie nichts verraten darf, immerhin gilt in Österreich der Datenschutz (und das ist auch gut so, immerhin dient dieser der Sicherheit der Jugendlichen).

Google Maps auf dem Handy unserer Jugendlichen ist mittlerweile unser wichtigstes Tool. Wo bist du, kennst du eine Adresse?, fragen wir – und bekommen einen Screenshots des Standortes. So habe ich M.s Adresse in Korneuburg und auch in Stockerau herausgefunden, so tasteten wir uns auch an Mehdis Adresse heran. Senida fand heraus, dass es sich bei der Adresse um eine Kaserne handelte. Gute Chancen also, unseren UMF nach Gratwein zu holen, denn Kaserne bedeutet: Er ist noch nicht in einem UMF Heim angekommen, indem er bleiben kann.

Ich übernehme den Kontakt mit Günther. Er beruhigt mich. Lehn dich zurück, am Montag gehe ich abermals zum Land Stmk und stelle ihnen unseren neuen Jugendlichen vor. Vorstellen, das heißt: Beide Seiten  des Asylwerber-Ausweis müssen als Foto vorliegen (denn an ihm erkennt man, ob der Jugendlicher Besitzer einer grünen oder weißen Karte ist, wie alt er ist, welcher Nationalität er angehört). Man muss soviel wie möglich wissen. Wie lang ist der Jugendliche in Ö? Wo hält er sich jetzt auf und vor allem seit wann. Das Wichtigste aber: Warum sind wir der Meinung sind, dass eine Verlegung nach Gratwein sinnvoll ist?

Ich schreibe Masi: Wir haben gute Chancen, aber sag Mehdi bitte noch nichts, wir dürfen ihm keine Hoffnung machen, solange wir nicht die Zusage haben. Masi schreibt zurück: Heute habe ich wieder mit seiner Tante telefoniert. Mehdi soll so ins Telefon geweint haben. Schweren Herzens antworte ich: Du musst ihn jetzt leiden lassen, Masi. Wir dürfen nichts versprechen, was wir nicht 100% halten können. Wenn wir Glück haben, sieht die Welt am Montag ganz anders aus.

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Unser Mehdi ist in der Toscana angekommen 🙂

Gestern ist Mehdi im Haus Toscana angekommen. So schnell geht es, wenn einmal alle Hebel auf Grün stehen. Am Montag kam die Zusage vom Land Steiermark – am Dienstag schon kam Mehdi in die Steiermark. Gestern soll er bereits seine Tante besucht haben.

Wieder muss ich an die Frage meiner Tante denken. Warum helft ihr machen mehr als anderen?

Ich habe Mehdi, anders als M., nie kennen gelernt, ich kenne seine Geschichte nur über Masi. Aber der Gedanke, dass er nun in der Nähe seiner Tante wohnen kann, erfüllt mich mit Zufriedenheit und Glück.

Wenn sich jeder 10. Österreicher um einen einzigen Flüchtenden kümmern würde, hätten wir keine Probleme, lese ich in einem Kommentar auf Facebook, als wir uns über das Gefühl der Hilflosigkeit (das Gefühl, nie genug tun zu können) austauschen.

Der Kontakt zu den Flüchtenden gestaltet sich nicht anders als der Kontakt zu anderen Mitmenschen in Österreich. Kennen Sie den Kleinen Prinz? Da gibt es dieses Kapitel mit dem Fuchs.

„Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt …“

Bildschirmfoto 2015-10-14 um 13.10.51Es ist die schönste und wahrste Geschichte über Freundschaft, die ich kenne. Zähmen heißt, Verantwortung u übernehmen. In diesem Kapitel findet aber auch der Abschied  satt.

„Aber nun wirst du weinen!“ sagte der kleine Prinz.

„Bestimmt“, sagte der Fuchs.

„So hast du also nichts gewonnen!“

„Ich habe“, sagte der Fuchs, „die Farbe des Weizens gewonnen.“

Auf unserem Weg durch unser Leben begegnen uns viele Menschen. Manche bleiben, manche gehen. Die Menschen, die aus der Masse heraustreten, werden immer in unserer Erinnerung bleiben.

Für alle freiwilligen HelferInnen (und auch alle anderen) möchte ich hier die Geschichte nochmals verlinken. Sie hat mir schon  oft im Leben geholfen. Und sie tut es auch jetzt.

http://kiddies.mmce.at/geschichten/prinz/kapitel21.htm

Margarita, 14.10.2015

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