Immer wieder bin ich entzückt von den Kindern. Was für eine Freude man ihnen machen kann, wenn man ein bisschen Ball mit ihnen spielt. Wie dankbar die Mütter sind, wenn wir ihre Kleinen ein bisschen aufheitern.
Das sind keine „wilden Horden“, die zu uns kommen. Im Gegenteil: Jeder, der zu uns kommt, ist froh, wenn alles ruhig und friedlich verläuft.

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Wir Helfer und Helferinnen haben schon viel erlebt in den letzten Wochen. Viele persönliche Schicksale wurden uns erzählt. Viele ausgelaugte, hungrige Menschen gingen an uns vorüber. Menschen, die alles verloren haben. Wenn mich etwas vom Schlafen abhält, so sind es jedoch andere Dinge.Ich nehme meine Hilflosigkeit und auch eine große Portion Ärger mit in den Schlaf. Gestern wurde ich wieder aufgefordert, das „ausländische Gsindl“ endlich „rauszuhauen“. Warum nehme ich den Hass und das Unverständnis dieser Menschen mit nach Hause statt die vielen Anerkennungsworte anderer Durchreisender, die unsere Arbeit loben?

Ich nehme jedoch noch etwas mit. Das Lachen der Kinder. Immerhin bin ich ausgebildete Kindergartenpädagogin. Und ich weiß aus Erfahrung sehr gut, dass Integration gelingt, wenn man sich dafür einsetzt. Ich habe in Wien viele Kindergarten- und Hortgruppen betreut, mitten im „Migrantenviertel“. Ich hatte Serben, Bosnier, Kosovaren, Vietnamesen, Türken, Inder, Kroaten, Österreicher, Tschetschenen und Ägypter in meinen Gruppen. Ein buntes Durcheinander, lauter kleine Flicken, die mit der Zeit zu einem schönen Teppichmuster zusammenwuchsen. Kinder, die sich im Spiel als Kinder kennen lernten – auch mit 10 Jahren gelang das noch. Wenn ich die Kinder im Tunnel sehe, wenn ich mit ihnen spiele oder sie anlächle, weiß ich: Die Eltern dieser Kinder kamen genau aus diesem Grund hierher. Sie wünschen sich nichts sehnlicher, als dass ihre Kinder in Frieden aufwachsen. Dass sie zur Schule gehen dürfen und in unserer Gesellschaft das nicht sind, was sie selbst noch lange bleiben werden: fremd.

Fremdsein ist keine schöne Erfahrung – aber sie ist nun einmal die Realität für alle, die hier ankommen. Ob sie fremd bleiben oder nicht, liegt jedoch nicht an ihnen allein – sondern auch an uns. Denn in eine Gesellschaft hineinwachsen kann man nur, wenn die Gesellschaft es auch zulässt. Mit diesen Gedanken gehe ich schlafen. Es sind Zukunftsvisionen, die wahr werden können. Wenn wir alle ein bisschen mutig sind und uns ohne Vorurteil begegnen. Von Mensch zu Mensch. Und die „G´sindl“-Schreier müssen wir lernen zu ignorieren.

Margarita, am 10.10.15

(Am 10.10. wurden wieder ca 700 Menschen versorgt. Jene, die mit dem Sonderzug um 4:45 morgens kamen, und jene, die mit dem Sonderzug um 14:00 weiterfuhren)

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