(>> über unseren UMF vom Bahnhof)

Unser M. lebt jetzt in einem sehr schönen UMF Heim in Stockerau. Wir hätten ihn gerne in unsere Nähe geholt und hatten sogar schon einen Platz in Gratwein – auch das Land Steiermark hatte schon zugesagt. Als alles geregelt war, erfuhren wir, dass M. in Stockerau untergebracht worden war. Laut Google ein sehr kleines, persönliches Haus mit nur 10-12 Jugendlichen. Meine Kontakte vor Ort bestätigen mir: Es geht M. gut, mach dir keine Sorgen. Sie geben mir den Rat: Lass ihn bitte los.

Nach Traiskirchen war M. in ein  Heim in Korneuburg gekommen – wo er sehr unglücklich war, woraufhin wir uns an den Betreiber des UMF Heimes in Gratkorn wandten. Ich gebe zu: Ich sah mich schon ins Kino gehen, einen Jugendlichen am Sofa schlafen lassen, gemeinsam Deutsch lernen, Radfahren, Maroni essen …

Als die Nachricht kam, dass M. bereits verlegt worden sei und das UMF Heim in Stockerau wirklich ein sehr schönes, kleines und gut geführtes sei, empfand ich zweierlei. Erleichterung und Freude. Aber auch Eifersucht und Trauer. Und völlige Ratlosigkeit. Wie soll ich mich verabschieden? Soll ich Stockerau fahren? Ist das gut? M. wird neue Menschen finden – er darf sich jetzt nicht zu sehr an mich gewöhnen – und ich mich nicht an ihn.

Schließlich schrieb ich M. eine Nachricht über den Messenger. Dass ich mich sehr für ihn freue und ihm viel Glück wünsche. Dass er jetzt endlich auch bald zur Schule gehen werde können.

Eine Stunde später kam ein Satz zurück. M.s erster Satz in Deutsch. Loslassen? Wie denn. Ich empfinde wie eine stolze Mutter.

In Klosterneuburg wartet ein afghanischer Junge, dessen Tante in Graz wartet. Vielleicht können wir ihn in Gratkorn unterbringen. Auf der Tagesordnung stehen solche Wünsche natürlich nicht.

Warum hilfst du dem einen mehr als dem anderen, fragt mich meine Tante, als ich ihr von M. erzähle. „Weil ich sonst den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe“, antworte ich.

Die vielen flüchtenden Menschen am Bahnhof zeigen mir meine Grenzen immer wieder aufs Neue auf. Ich kann ihnen aufmunternd zulächeln, ich kann ihnen Babyschuhe bringen, warmes Wasser fürs Fläschchen oder ein Stofftier. Ich kann Frauen helfen, kleine Kinder oder schweren Taschen zum Zug zu tragen. (Gestern bedankte sich eine Mutter, indem sie mir über die Wange strich und mich lächelnd ansah.)

Manche lernen wir nur kurz kennen, ein Zwinkern, ein Lachen, das uns verbindet.  Andere lernen wir in der kurzen Zeit unserer Begegnung am Bahnhof etwas näher. Wir Menschen von Borderless sind nur eine der vielen Durchgangsstationen auf ihrem Weg in die Zukunft. In letzter Zeit merke ich, dass die Sehnsucht nach einem bleibenden Kontakt wächst. In mir. Zuviele Bäume sind nicht gut, man kann  sie nicht alle einzeln sehen. Aber manche Bäume werden immer Bäume bleiben  und nie bloß Teil des Waldes sein. M. war mein erster Baum. Er war einer der vielen am Bahnhof und wurde zu einem besonderen Teil von mir selbst.

Margarita, am 9. Oktober 2015

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