Wir  haben gerade die Asylwerber vor dem Paulustor besucht. Sie protestieren vor der Fremdenpolizei aus einem guten Grund. Viele von ihnen sind schon mehr als ein Jahr hier und warten auf ihr Interview. „Jede Stunde entscheidet über Leben und Tod“, verrät mir einer der Männer. Er ist Vater von drei Kindern – vor kurzem sei seine Frau angeschossen worden. In Damaskus. Seit zwei Tagen hat er nichts mehr von ihr gehört. Wir haben sie gefragt, ob sie was brauchen und sie interviewt. „Wir brauchen keine Decken, wir wollen endlich unsere Familien in Sicherheit wissen“, bekamen wir zur Antwort. „Könnt ihr uns helfen?“

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Vor dem Paulustor protestieren seit dem Morgen Asylwerber. Am Abend startet Seniada* einen Aufruf über WhatsApp. Da es am Bahnhof heute ruhig ist, so meint sie, könnten wir schauen, ob die Protestierenden unsere Hilfe brauchen. Sie bietet an, bei einem Kebabstand zu bestellen. „Wie viele Kebabs brauchen wir? Weiß jemand, wie viele im Freien übernachten?“

Andere aus der Gruppe schlagen vor, die Lunchpakete zu verteilen, die für die abgesagten Sonderzüge bestimmt gewesen waren.

„Aber die brauchen doch was Warmes!“, sagt Senida.

Wir entscheiden uns, auf gut Glück hinzufahren. „Ich bringe die Kinder noch ins Bett, dann hol ich dich ab. Nimm eine Kamera mit. Hast du eine gute?“

Nein. Ich bin eine schlecht ausgerüstete Journalistin. Nicht einmal Schreibpapier habe ich mit, als ich in Senidas Auto steige. Auch meine Digitalkamera wird sich als nicht brauchbar erweisen.

Wir fahren hoch zum Stadtpark. Am Paulustor ist es dunkel.

„Siehst du was?“, fragt Senida.

Endlich sehen wir die Schatten die Zelte. Einer der Asylwerber steht vor dem Polizeigebäude. Man sieht nur einen schwachen Lichtschimmer. Wir parken das Auto und sind uns nicht ganz sicher, ob wir nicht im Halteverbot stehen.

Unter einem Partyzelt sind Tische aufgebaut. Jeden Donnerstag wird gibt es im Spektral am Lendkai eine Volksküche. Heute wurden die Speisen zum Paulustor getragen, man will die Protestierenden unterstützen.

Ein Wohnmobil steht hier, private Zelte. Der Protest der Asylwerber ist angekündigt. Sechs Tage wollen die Männer aus Syrien und dem Irak hier bleiben. Sie wollen auf ihre Lage aufmerksam machen.

„We are safe, but our families are not“, lesen wir auf einem der Schilder.

Wir gehen auf eine Gruppe von fünf Männern zu. Ob sie etwas bräuchten, fragen wir. Wir könnten Decken und Jacken organisieren. Woher wir seien? Wir zeigen unsere neuen Kärtchen. „Borderless“, stellen wir uns vor. „Wir sind quasi das Welcome-Team vom Grazer Hauptbahnhof.“

Einer der Männer lacht. Ja, von uns habe er schon gehört. Er bietet an, für uns zu übersetzen. „Wenn ihr Arabisch-Dolmetscher braucht, ich bin für euch da!“

Wir tauschen Facebook-Adressen und Telefonnummern. Die Männer erzählen, warum sie hier ihre Zelte aufschlagen haben.  In den Zelten, die vom Graz-Konvoi und privaten HelferInnen zur Verfügung gestellt werden, werden vor allem jene schlafen, die nicht in Graz untergebracht sind. Am Tag waren mehr als siebzig Asylwerber hier, morgen wollen noch mehr kommen. In der Nacht blieben dreißig Männer auf dem Gelände. Morgen werden sie wieder weiter demonstrieren.

„Wir wollen nicht undankbar wirken. Viele Grazer verstehen nicht, wogegen wir hier protestieren. Sie denken, dass wir hier sind, weil wir mehr Geld verlangen, aber das stimmt nicht. Uns geht es nicht um Wohnstand, den hatten wir zu Hause“, erzählt Atef**. „Wir sind aus Syrien geflüchtet, weil bei uns Krieg ist. Und wir wollen unsere Familie endlich in Sicherheit wissen.“

Atef hatte alles. Ein Haus, ein Auto. Sogar einen Lastwagen hatte er.

„Jetzt hat er nichts mehr“, sagt Samir, der neben ihm steht. „Alles kaputt. Vor zwei Tagen wurde seine Frau durch zwei Schussverletzungen schwer verwundet.“

Ich frage Atef, wann er das letzte Mal von seiner Frau gehört hat. „Vorgestern“, antwortet er. 

Atefs Kinder sind Teenager. Zwei Mädchen hat er und einen etwas jüngeren Buben. Seit Wochen hat er Magenschmerzen. Er könne sich auf nichts konzentrieren. Auch nicht aufs Deutschlernen. Dennoch antwortet er mir auf Deutsch. „In meinem Kopf kreisen immer dieselben Fragen. Dieselben Bilder. Kannst du das verstehen?“

Kann ich es verstehen? Wenn nicht einmal ich mich auf meine tägliche Arbeit konzentrieren kann, wie muss es jemanden gehen, für die die Menschen nicht nur Bilder aus den Medien sind? Wie ginge es mir, wüsste ich meine Kinder und Eltern in einem Krieg? Wie ginge es mir, wüsste ich, dass sie tot sein könnten, bis die Papiere fertig sind?

„Manche sind hier schon länger als ein Jahr“, sagt Atef. Er selbst sei seit Jänner in Österreich. An der burgenländischen Grenze habe er bei der Polizei um Asyl angesucht. Danach sei er nach Traiskirchen gekommen, schließlich nach Gleisdorf. Samir nickt mit dem Kopf, auch er sei im Jänner gekommen.

„Andere werden schon nach zwei Monaten zum Interview geladen. Das verstehen wir nicht. In Baden geht es recht schnell, nur in der Steiermark und in Oberösterreich hören wir immer nur, dass man ein Jahr und länger warten muss.“

Es ginge ihm nicht um ihn selbst. Er könne warten. Aber seine Familie nicht. „Jede Stunde entscheidet. Ja, sogar jede Sekunde.“

Immer wieder kommen die Asylwerber nach Graz, um nachzufragen, wie lange sie noch warten müssten. „Es hat sich nichts verändert, seit dem letzten Mal“, bekommen sie immer wieder gesagt.

Hier hat sich nichts verändert“, sagt Samir. „Aber in Damaskus. Als wir weggingen, war der Krieg noch noch nicht bis zu unserer Stadt vorgedrungen. . Morgen schon kann es sein, dass meine Frau nicht mehr lebt.“

Er sei uns ÖsterreicherInnen dankbar. Österreich sei ein schönes Land. Mit freundlichen Menschen. Es habe keine einzig negative Erfahrung bis jetzt gemacht. Wenn er nach dem Weg frage, bekomme er immer höflich Auskunft, viele böten ihm ihre Hilfe an. Nur das Warten mache ihn wahnsinnig.

„Ich bin euch dankbar für die Winterjacken, die ihr uns bringt, damit wir nicht frieren. Aber mir geht es nicht um Wärme. Mir geht es nicht um mich selbst. Ich möchte, dass meine Kinder in Sicherheit aufwachsen. Jetzt warte ich seit einem dreiviertel Jahr. Könnt ihr uns da helfen?“

Da stehen wir. Senida und ich. Mit unseren Kärtchen, die wir um den Hals hängen haben. Welche Macht haben wir? Wir können Decken austeilen. Wir können Sandwiches und Müsliriegel abpacken. Wir können ein freundliches Wort spenden. Aber wenn ich diesen Artikel hier schreibe, weiß ich nicht einmal, wie viele ihn lesen werden. Wie viele von ihnen wieder behaupten werden: „Was sind das für Männer, die ihre Kinder und Frauen zurücklassen?“ Wie viele werden sagen: „Stellt euch vor, wenn jeder seine Frau und die drei Kinder nachholt – wir können doch nicht alle nehmen!“

Seit einem Monat helfe ich nun beim Borderless-Team mit. Mein Haupteinsatzgebiet ist der Bahnhof. Ich habe viele flüchtende Gruppen gesehen. Nicht nur alleinreisende Männer, auch Familien. Ich sah Frauen mit Neugeborenen. Eine kam mit zwei Monate alten Zwillingen hier an. Ihr Mann hatte Glück: Seine Frau und seine Kinder hatten die Strapazen und Gefahren der Flucht überlebt. Sie sind nun in Sicherheit und warten auf die Weiterreise nach Deutschland. Irgendwo in Wels. Oder in Salzburg. Andere Familien, die in den letzten Tagen kamen, haben in Österreich um Asyl angesucht.

Atef und Samir sind die ersten Asylwerber, die ich kennen lerne, die schon seit mehreren Monaten hier leben. Geschichten wie ihre kenne ich nur aus den Medien. Ich würde ihnen gerne versprechen, zu helfen, aber ich müsste sie anlügen. Ich kann Decken besorgen aber kein Asylverfahren beschleunigen.

Ich stelle mich zu Senida, die mittlerweile mit einer Aktivistin vom Konvoi Graz spricht. Ein Iraker stellt sich neben uns. Dass er jetzt seit einem Jahr und zwei Monaten hier sei, verrät er uns. Ob er Familie habe, frage ich ihn und zücke Senidas Block. Ja. Wo? In Mossul, antwortet er. Dort käme im Moment keiner raus.

Auch er kann mittlerweile recht gut Deutsch. Im Irak sei er Universitätslehrer gewesen. Er zeigt auf seinen Freund:“ Er hier war Ingenieur“. Dann zeigt er auf einen anderen Mann, weiter vorne. „Ein Arzt. Und siehst du den Mann dort drüben? Er war Architekt.“

Alle hatten sie Berufe. Alle hatten sie ein ganz normales Leben. „Hast du vor fünf Jahren jemals gehört, dass Syrer oder Iraker ihr Land verlassen haben, um nach Österreich zu kommen?“, werde ich gefragt.

Wir bleiben noch auf eine Zigarettenlänge stehen. Dann steigen Senida und ich wieder ins Auto. „Es ist fast unheimlich, wie sehr ich mich mittlerweile abgrenzen kann. Manchmal frage ich mich, ob das wirklich gut ist. Ich komme mir beinahe kalt vor“, gesteht sie mir. Ich weiß, was sie meint. Ich empfinde ähnlich. Aber wir helfen niemanden, wenn wir jedes Mal zusammenbrechen. Die Durchreisenden am Bahnhof brauchen uns. Als wir an der Kreuzung stehen, zwitschert mein Smartphone. „Sonderzug um 5:45 mit 120 Personen“, lese ich.

Wie lange werden die Behörden brauchen, um mit den neuen Asylanträgen fertig zu werden? Warum müssen Männer, die ein eindeutiges Recht auf Asyl haben, so lange warten? Ich muss an Samirs Satz denken. Dass sich viele der Männer nicht zum Paulustor getraut hätten. „Wir haben Angst, etwas falsch zu machen. Angst, dass sie uns abschieben. Wir sind keine Kriminellen. Wir stehlen nicht und wir verkaufen keine Drogen. Wir wollen einfach nur ein bisschen Fairness.“

Margarita, am 2. Oktober 2015.

* Namen geändert.

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