Am 24.9. fällt Heidi ein unbegleiteter Minderjähriger am Bahnhof Graz auf. Er verrät uns, dass er gerne in Österreich bleiben würde. Seine Gruppe sei nach Deutschland weitergereist, aber er wolle hier bleiben. Ob er eine Chance hätte, hier zur Schule zu gehen, fragt er. Er habe gehört, in Salzburg könne man das. Aber er habe kein Schulgeld.

Wir überreden ihn, in Graz zu bleiben. Er könne eine Nacht bei mir schlafen, schlage ich ihm vor, allerdings sei ich noch lange am Bahnhof – und um die Meldung kämen wir nicht herum. Wir erzählen ihm von der Schwarzlhalle. Gerüchten zufolge soll das Transitlager bald ein Erstaufnahmezentrum werden. Aber noch ist es eine Schlafhalle für Durchreisende. M. fragt, wie er dorthin käme. Wir rufen Anna an, die sofort mit dem Auto kommt. Als sie mit M. bei der Schwarzlhalle ankommt, heißt es, sie müsse zur Polizei. Man verspricht ihr, dass er in Graz bleiben könne und einen schönen Platz bekomme. Sie fährt beruhigt ab.

Am Abend schickt M. Fotos an Anna. Er sei jetzt in Webling. Die Halle hier sei schrecklich und er wisse nicht, was morgen passiere. Anna schreibt uns. Wir machen uns Sorgen. Was ist mit unserem UMF? Hast du was gehört?, fragt Heidi.

3 Tage später bekomme ich die Nachricht via Messenger. Heidi hat eine Facebook-Meldung eines Aktivisten von Willkommen Flüchtlinge in der Stmk geteilt. Auf seiner Seite startet er einen Aufruf. „Wer fährt nach Traiskirchen und kann unserem 14jährigen UMF Kleidung mitbringen? Er benötigt Schuhe in der Größe 39 und eine Hose. Er ist schmal gebaut.“

Könnte das nicht unser UMF sein?, fragt Heidi.

Da ich am Abend zu einer Redaktionssitzung nach Wien muss, rufe ich meinen Kollegen aus Graz an. „Könnten wir früher los und einen Umweg über Traiskirchen fahren?“

Otto, bei dem ich mich mittlerweile via Facebook gemeldet habe, ruft zurück. Er schickt mir ein Foto des Minderjährigen. Es ist tatsächlich der Junge aus der Bahnhofshalle. Unser M!

Peter holt mich ab, eilig fahren wir zur Laubgasse. Reißen verklebte Kartons wieder auf. Finden keine passenden Schuhe, nur Größe 40 – und auch das sind schwere Wanderschuhe und keine Turnschuhe. Besser als nichts, denke ich. Sonntags haben alle Geschäfte geschlossen. Senida ruft an, legen wir zusammen, sagt sie, dann kann er das Nötigste kaufen. Ich stecke trotzdem alles in die Sporttasche, was mir unterkommt. Warme Pullis, eine warme Winterjacke, Hosen, einen Gürtel (da ich vermute, dass die Hosen eine Nummer zu groß sind).

Auf der Fahrt bin ich aufgeregt. Und hungrig. Ich habe noch nicht einmal gefrühstückt, jetzt ist es 17:00. Anderthalb Stunden später sind wir in Traiskirchen. Wie sollen wir M finden? Ich rufe ihn an, er meint, er komme. Wir stehen beim Ausgang, sage ich. Wo bist du?

Er sagt: Badin.

Badin? Meint er etwa Baden??? Ich frage den Wachmann. Der lacht mich aus. „Den werden Sie nicht finden.“ Und ja, in Baden gäbe es auch etwas, meint er. Ich schaue ängstlich auf mein Telefon: Der Akku ist fast leer. Otto ruft an. Ich würde am liebsten ins Telefon heulen.

Ein Mann fragt mich: „Hast du auch für mich eine Jacke?“ Ich schüttle den Kopf. Ich Idiot, warum haben wir nicht einfach ein paar Kartons mit Kleidung eingepackt. Jacken, Pullis und Schuhe. Ich sehe Männer in Sandalen am Zaun stehen.

Ich rufe M. nochmals an. Badin, sage ich. Ist das der Ort? M. ist verwirrt. „Steht jemand neben dir, der Deutsch kann?“, frage ich. Der Wachmann gibt mir den Tipp:  „Wiederholen Sie das Wort Traiskirchen. Alle hier wissen, wie der Ort heißt.“

Ich probiere es. „Are you not in Traiskirchen?“ Wiederhole:  „Traiskirchen“:
„Yes, yes!“ – Es folgt der Name eines Kaffeehauses, das der Wachmann nicht kennt. „Dann ist er also draußen und wird nicht zum Ausgang kommen“, sagt er.

„Where are you?“ Vor Aufregung schreie ich. Gleich ist mein Akku aus. – „Railway“, antwortet M.

Nur noch 8% Saft. Otto ruft an, ich sage ihm, dass  wir nun zum Bahnhof führen. Eine Minute später klingelt es erneut, Otto habe M. angerufen, der habe von einem Klassenzimmer gesprochen. Am Sonntag? In Traiskirchen? Von meinen Wiener Freunden weiß ich, dass der einzige Deutschkurs, den es hier gibt, jener ist, den ein paar Freiwillige im Park abhalten.

„Fahren wir“, sage ich zu Peter. „Hoffen wir, dass er geglaubt hat, uns am Bahnhof erwarten zu müssen.“

Und tatsächlich. Peter sieht ihn sofort: „Dort steht ein Bursche allein in einem weißen Kapuzenshirt!“ Ich drehe mich um. Er ist es! Ich laufe auf ihn zu und umarme ihn heftig. M. sieht verlegen zu Boden. Mir fällt ein, dass er dies nicht gewohnt sein wird. Ich bin eine Fremde, eine Frau. M. könnte mein Kind sein.

Wir bringen ihn mit dem Auto zurück. M. ruft seinen Freund an, der soll ihm tragen helfen. „Ich glaube, die Sachen sind dir zu groß“, erkläre ich. „Morgen hat alles wieder offen. Was du nicht brauchst, schenk bitte her.“

Der Freund von M. sieht nach einem netten Jungen aus. Ich bin froh, dass M. Anschluss gefunden hat. M. wird von den ÖsterreicherInnen ins Herz geschlossen werden, denn er wirkt schüchtern. Aber das Lagerleben fordert Durchsetzungskraft. Der Wachtmeister lacht. Hier gibt es 1.400 wie ihn, sagt er. Ich weiß, antworte ich. Aber M. ist mir ans Herz gewachsen. Und ich muss zugeben, ich fühle mich schuldig. Ich habe ihm versprochen, dass er in Graz bleiben kann.

Am Zaun rauche ich noch eine Zigarette mit einem Asylwerber. Dann gehe ich zum Auto. Am Weg begegne ich dem Mann, der mich nach einer Jacke gefragt hat. Ob ich meinen Minderjährigen gefunden hätte? Ja, rufe ich ihm zu. Er lächelt zurück. Ich komme hierher, mit nur einer Sporttasche für nur einen Jungen – und bekomme ein Lachen dafür von jemandem, den ich enttäuschen musste.

Peter und ich fahren nach Wien. Wir sind spät dran, die Präsentation des neuen Heftes beginnt in Kürze. Ich bestelle dennoch Kebab und verzehre es, während Peter vierzig Minuten lang einen Parkplatz sucht. Die Lesung beginnt, Peter ist noch nicht da – er hat mein Kabel fürs Handy.

Statt in den Lesungsraum zu gehen, bleibe ich an der Bar. Ich muss doch Bescheid sagen, dass ich ihn gefunden habe, ist mein einziger Gedanke. Als ich endlich das Smartphone hinter der Bar anstecken kann, schreibe ich sofort 2 sms an Senida und Otto. Mein Handy summt – eine neue Nachricht von Facebook. M. hat mir eine Freundschaftsanfrage geschickt und bedankt sich.

Als ich im Publikum Platz nehme, merke ich, dass ich mich nicht auf die Texte konzentrieren kann. Dass mir mein Leben abhanden gekommen ist, denke ich. Ich habe begonnen, zu helfen, weil mir mein Leben als Autorin wie eine Blase vorkam. Aber es ist nun einmal mein Leben. Ich muss wieder lernen, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Zeit für meine Projekte zu investieren, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, dass ich nicht am Bahnhof stehe oder zur Schwarzlhalle fahre.

An der Bar erzähle ich aufgeregt von M. Dass er die erste Nacht im Zelt habe schlafen müssen. Dass er nun in einem Haus in Traiskirchen sei. Wir tauschen einander aus. Ein Gast erzählt vom Westbahnhof.

Um 2 Uhr nachts sind Peter und ich wieder in Graz. Am nächsten Tag sehe ich ein neues Foto von M. auf Facebook. Seine neuen Klamotten sehen chic aus, die Turnschuhe sind noch die alten, kleinen.Ich poste nochmals und bitte die AktivistInnen in der Gruppe „Start Now“ um Größe 39.

Recht hat er, denke ich, als ich das Foto ansehe. Ein bisschen fesch und cool aussehen – ein kleines bisschen Teenagernormalität in einem Lager wie Traiskirchen.

Ich unterhalte mich mit Anna. M.s Interview ist am 5. Oktober. „Aber schau, sagt sie, ohne uns wäre er nicht in Graz geblieben und hätte Otto nicht kennengelernt. Wir müssen sehen, was wir erreicht haben, nicht, was wir nicht erreichen.“

Anna hat recht. Ich muss mich wieder besser abgrenzen. Und ich darf mein Autorinnen-Leben trotzdem führen. Obwohl M. in Traiskirchen und weit weg von Graz ist. Und ich Muttergefühle entwickle, die ich noch nie zuvor gespürt habe.

Margarita

Advertisements