Wieder mal ein Kommentar zu den Eindrücken der letzten Woche am hbf Graz

Wenn ich mit dem Radl die Murbrücke überquere und Richtung Bahnhof fahre, dann ist alles wie immer. Sobald ich am Hauptbahnhof den sogenannten Tunnel betrete, finde ich eine andere Welt. Busse-weise werden Menschen angekarrt von Spielfeld, Nickelsdorf nach Salzburg bis was weiß ich – warten, gleich weiter, im Zug – zum Zug oder in einen anderen Bus zu einem Quartier… Viele Menschen kommen mit den Sonderzügen irgendwann zwischen 6 in der Früh und 3.30 in der Nacht… oder dazwischendrin. Wissen tut man es nie so genau. Einige fahren weiter, wenige bleiben am Bahnhof… Täglich kommen und gehen hunderte oder viel mehr wahrscheinlich. Hier wird nicht gezählt. Man merkt nur am Brot, Obst und Wasserflaschen – die alle aus Spenden finanziert werden – dass es viele Menschen sind. Es ist grundsätzlich zu wenig da.

Borderless ist eine sehr kleine, privat organisierte Gruppe – sie arbeiten mit dem IKZ zusammen (das Lager wird dort betreut, weil unser Lager am Hauptbahnhof nicht mehr hergibt). Die muslimische Jugend Österreich hilft vor Ort mit. Diese AktivistInnen sind ein buntes, eingespieltes Team mit außergewöhnlichem Netzwerk. Binnen kürzester Zeit wird gefühlt die ganze Stadt vernetzt – die Community hält zusammen und was sie verspricht. Meine ganz feine „Kollegin“ Margarita hat es schon mal treffend geschrieben: „Aus den ehemaligen “ Flüchtlingskindern“ und ihren Geschwistern wurden also engagierte ÖsterreicherInnen, die heute mutig Verantwortung übernehmen.“ Ehemalige sehr junge Flüchtlinge aus Syrien, Palästina,… dolmetschen den ganzen Tag – alle mit dabei. Ich kann mir nach wie vor nicht vorstellen, wie es funktioniert binnen eineinhalb Stunden 700 Sandwiches, Müsliriegel, Hygienepakete, und was halt so gebraucht wird aufzustellen… unergründliche Wege… unglaubliche Hilfsbereitschaft. Der Verein TAKVA macht es möglich.

Es braucht ein Basisteam vor Ort, checken und koordinieren… 24h. Alle arbeiten am Limit. Gute Kooperationen mit dem Team der ÖBB, Polizei, Caritas, dem Roten Kreuz für die Erstversorgung (weil kollabieren kann da schon mal jemand, der eher weniger als mehr Flüssigkeit und Co hatte in den letzten Wochen…) Eine immense Erleichterung, es kommen überall Menschen zusammen, die jetzt helfen.

Für vieles was ich gesehen habe, fehlen mir nach wie vor die Worte. Es steckt mir mehr im Hals als jemals zuvor.

Ich könnte stundenlang erzählen – das werde ich wohl mal tun (müssen) damit ichs aus dem Kopf habe… über die Begegnungen, die vielen Kinder… die Familienväter, die alles geben um ihre sieben Zwetschgen zusammen halten. Das Bild des stattlichen Mannes in zerschlissenen Hosen mit seinem Sohn im Arm, allein… wird wohl noch länger in meinem Kopf bleiben.

Es sind Begegnungen, die mein Leben bereichern werden – und es sind Geschehnisse, die ich nun besser verstehe. Aber was ich noch loswerden muss ist: ES GEHT UNS WIRKLICH SEHR GUT.

Die Kluft ist unglaublich groß in Österreich – das erlebe ich jetzt erstmals hautnah. Bisher konnte ich mich von Menschen, die es mit „Willkommenskultur“ nicht so haben, recht gut fern halten. Aktuell werde ich täglich mit Situationen konfrontiert, die sprachlos machen – Beschimpfungen gegenüber Helfern und Menschen auf der Flucht, Kindern,… ich habe keine Angst vor den Menschen, die kommen. Ich habe viel mehr Angst vor denen, die da sind.

Wenn ich irgendwann mal von da weg muss, wo ich zuhause bin, dann hoffe ich, solche Menschen wie meine Freunde vom Bahnhof zu treffen…

Ein Bericht von H.

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