Gestern übernahmen Heidi und ich die Verantwortung am HBHF um unsere muslimischen Freunde am Tag des Opferfests zu entlasten. Ich muss zugeben: Ich habe mich ein wenig gefürchtet. Was, wenn plötzlich ein Zug mit 700 angekündigt wird und ich in Windeseile Essen, Lunchpaket-Packer, Helfer und Dolmetscher auftreiben muss? Werde ich das schaffen? Was, wenn die, die sonst immer kommen, bei ihren Familien sind? Was, wenn ich plötzlich ohne Nachschub an Essen dastehe? Was, wenn ich zu schüchtern auftrete und mich nicht durchsetzen kann? –

Nun, ich habe mich umsonst gefürchtet.

Ich kam um 11:30 am Hauptbahnhof an. Zu diesem Zeitpunkt hatte Heidi bereits mit den 3 Sanitätern vom Roten Kreuz die vorhandenen Lebensmitteln zu Paketen geschnürt. Ein Unbegleiteter 14jähriger wurde in der Halle gefunden – er will in Ö bleiben und hier zur Schule gehen. „Ich habe kein Schulgeld“ – so seine größte Befürchtung. Wir haben schließlich Anna kontaktiert, die ihn zur Schwarzlhalle führte. Wie sich herausstellte, muss in solchen Fällen die Polizei kontaktiert werden. Mittlerweile ist unser Jugendlicher in der Praktikerhalle – und wir machen uns große Sorgen. Wir hoffen, dass er in Graz bleiben kann, dass er bald eine Unterkunft findet und einen Schulplatz. Hätte ich ihn doch nach der Schicht zu mir nach Hause nehmen sollen? Aber um die Polizei wären wir nicht herum gekommen. Man tut sich schwer, sich abzugrenzen, wenn man einen Menschen ins Herz geschlossen hat. Wenn man sieht, dass es nicht so rennt, wie man es sich für diesen jungen Menschen wünscht. Es sind diese Sorgen, die man mit ins Bett nimmt, weit nach Mitternacht. Sorgen, die wir über WhatsApp austauschen. „Weiß wer was von unserem UMF? Wie geht es ihm?“

Zwischenzeitlich kam eine Dame der Krisenintervention vorbei, um zu schauen, was bei uns los ist. Sie hat Hilfe versprochen – Decken zum Beispiel. Decken, die uns zur Verfügung gestellt und danach gewaschen werden sollen. Denn wir haben diese Kapazität nicht. Die ÖBB stellt uns einen weiteren Lagerraum zur Verfügung, neben Essen benötigen wir auch Platz für ein paar Kisten mit Wechselkleidung für Kinder, Schuhen, warmen Jacken.

Die Dienstübergabe (Austausch der wichtigen Nummern) findet im Nachhinein per WhatsApp statt – denn wir haben keine Zeit zu quatschen. Um 13:30 kommen 4 Busse von den Schlafhallen, zwei Waggons nach Salzburg warten. Heidi bleibt länger als geplant. Wir versorgen die Flüchtlinge und begleiten sie zum Bahnhof. Ein paar liebe Leute bringen Bayram Geschenke und verteilen sie an die Kinder. Der Zug ist voll, zwei weitere volle Busse bleiben vor dem Bahnhof stehen – denn in unserem Gang ist es zu kalt. Der nächste Zug nach Salzburg kommt erst um 16:40. Die Flüchtenden werden im Bus mit Essen versorgt. (Bitte keinen Thunfisch, heißt es, der stinkt immer so, also teilen wir Milchbrötchen und Obst aus). Eine Familie, die getrennt wurde, wird per Privatauto zusammengeführt: Man holt die Familienmitglieder von der Schlafhalle und bringt sie zum Bahnhof, damit gemeinsam weitergereist werden kann. Wir starten einen Aufruf nach Männerschuhen: Bitte jetzt, schreiben wir, ein Mann hat kaputte Schlapfen. Binnen einer halben Stunde fährt Fiona zum Bahnhof und bringt Schuhe in der richtigen Größe. Weitere drei Paar kommen von einem anderen Helfer, der den Aufruf las. Wir verteilen Jacken an frierende Kinder, vom Ströck hole ich einen Becher heißes Wasser für ein Kinderfläschchen. Mittlerweile sitzen die Flüchtenden im kalten Gang. Wir versuchen, die Kinder bei Laune zu halten. Im Gang zieht es, ich selbst friere trotz Pullover, dicker Weste und Winterjacke – wie muss es denen gehen, die erschöpft am Boden sitzen? Abermals werden Bayram Geschenke gebracht. Eine Autoladung mit Essen kommt. Und ich bin bei weitem nicht allein. Die MJÖ ist da, Sedin schaut nach dem Rechten – er kommt genau zum richtigen Zeitpunkt, als nicht klar ist, ob die Menschen überhaupt weiterreisen können. Die Dolmetscher versuchen, in einem ruhigen Ton zu erklären. Es kann sein, dass der Zug erst morgen kommt und sie noch eine Nacht in Graz blieben müssen. Ich hole die getrennten Familienmitglieder vom Treffpunkt ab. Stelle fest, dass ich nicht Anna angerufen habe – sondern eine ganz andere Frau (da ich einfach die letzte Nummer in meinem Handy gewählt hatte, im festen Glauben, es sei Anna gewesen). Es war die Dame mit den Bayram Geschenken. Das Tolle: Sie hat nicht gefragt, sie ist einfach gefahren und hat gehandelt. Ihr war es egal, wen ich erreichen wollte.

Nein, unsere muslimischen Freunde ließen uns nicht im Stich. Sie ließen vor allem die flüchtenden Menschen nicht im Stich. Sie feierten mit den Menschen in der Schwarzlhalle, sie brachten Geschenke, fragten immer wieder nach: Bei auch alles klar am Hbhf? Unsere ÜbersetzerInnen wussten, dass sie gebraucht werden und waren da, ohne nachzufragen. Sie kamen einfach.

Die Menschen aus den Bussen sitzen nun alle in einem Zug nach Salzburg. Drei sind geblieben, sie warten auf einen Freund aus Wien, da ihre Gruppe getrennt wurde und sie kein Geld haben. Einer von ihnen hat seinen Bruder in Kroatien verloren – er weint. Wir versorgen die drei und packen neue Lunchpakete. Aida kommt vorbei uns bringt uns Kuchen – für die Helfer, sagt sie. Zwanzig Minuten später stellt sie uns 14 Becher Kaffee hin – für uns und die Syrer. Die ÖBB weiß nicht, ob noch ein Zug kommt. Wir warten. 2 Leute von der Caritas kommen, um sich die Lage anzusehen. Ich erkläre, wie und warum die Plattform BORDERLESS entstand. Warum wir hier sind und nicht in der warmen Halle? Ganz einfach, sage ich, weil wir keinen offiziellen Auftrag haben. Wir müssen uns an die Richtlinien der ÖBB halten, wir sind auf ihre Mitarbeit und ihr Wohlwollen angewiesen. Zumal wir hier unten den Überblick nie verlieren. Außerdem wollen wir nicht, dass Passanten sich aufregen oder gar noch Beschimpfungsaktionen starten. Aber hier ist es kalt, heißt es. Ja, sage ich. Ideal ist es hier nicht – zumal jetzt der Winter kommt. Wir bräuchten Decken, die wir wieder abgeben können. Und Bänke wären nicht schlecht. Wir haben nicht einmal einen einzigen Sessel hier, denn dies ist ein Fluchtweg. Wir müssen immer darauf achten, dass alle auf einer Seite sind, dass der Gang frei bleibt. Aber wir sind froh, dass man uns so großzügig die Lager geräumt hat und uns immer auf dem Laufenden hält, wenn Züge kommen. Die ÖBB hilft uns, wo sie kann. Und auch die Rotkreuzsanitäter helfen. Seit gestern haben wir außerdem die Nummer eines Caritas-Farsi-Übersetzers, den wir im Notfall anrufen können – Farsi hat gestern nämlich gefehlt. Besonders beeindruckt hat mich ein 16 jähriger MJÖ Bursche, der sich selbstbewusst vor eine Männergruppe stellte und unsere Anweisungen übersetzte.

Und Anweisungen, die braucht es. Es gibt es ein ganz klares Prozedere. Unsere Dolmetscher gehen in die Waggons bzw Busse und erklären. Danach kommen die Refugees über die Treppen zu uns, wo sie von uns versorgt werden. Manchmal können sie gleich umsteigen, manchmal müssen sie 2 Stunden bei uns warten.

Warum teilt ihr Lunchpakete aus?, wurde ich gefragt. Die Menschen kommen doch von Lagern und werden in Lager gebracht?

Ganz einfach. Die Menschen, die von Nickelsdorf kommen, sind am Ende ihrer Kräfte. Sie sind hungrig, ihnen ist bitterkalt – die Züge kommen in den frühen Morgenstunden,sie sind übermüdet. Und dann müssen sie oft noch warten, da die Busse hin und her fahren. Vorletzte Nacht war es bitterkalt. Und wenn sie aus den Lagern kommen?, fragt die Caritas. Dann haben sie eine mindestens 4stündige Fahrt vor sich und wir wissen auch nicht, wie schnell es in Salzburg Essen gibt. Ein Lunchpaket ist das Mindeste, ein paar Decken, Schuhe, Kinderjacken, falls sie keine bekommen haben (Viele trauen sich nicht zu fragen).

Vorgestern beim Interview gab Senida eine Antwort: Egal ob uns das Spaß macht oder nicht, es ist unsere Pflicht zu helfen. Sie selbst liegt mittlerweile krank im Bett – wie viele andere. Inzwischen melden sich viele GrazerInnen bei uns – ob sie helfen können. Seit gestern Abend gibt es eine Liste. Da wir nie wissen, wann Züge eintreffen, ruft Tuba die Freiwilligen an, wenn Not am Mann ist. Die „alten Hasen“ schulen die neuen HelferInnen ein. Bald beginnt die Uni und auch die SchülerInnen werden nicht mehr soviel Zeit haben. Wir müssen uns einteilen. Unsere Plattform wächst – und das ist gut. Aber es ist auch gut, dass die Caritas hier war, um nachzufragen. Und die Dame von der Krisenintervention. Viele wissen gar nicht, was in unserem „Tunnel beim Wasserturm“ passiert. In der Halle kaufen Leute ein, während sie auf Züge warten. Darunter spielt sich eine ganz andere Welt ab. Bekommen die oben eigentlich mit, was bei uns passiert?, fragt eine Helferin.

Gestern blieb ein junger Mann mit Bierdose stehen. Was wir hier machen?, fragte er, als wir gerade Lunchpakete schnürten.

Der Caritas-Mitarbeiter bietet mir eine Zigarette an und das Du-Wort. Er lobt uns. Will wissen, seit wann BORDERLESS am Bahnhof steht. Ich erzähle, wie alles hier begann. Dass die Leute von BORDERLESS zum Bahnhof gingen und einfach schauten, ob Flüchtende ankommen. Dass anfangs manchmal 300 ausstiegen und niemand was wusste. Dass sie schnell in den Supermarkt liefen und die Menschen versorgten.

Wieso sind eigentlich immer nur zwei Leute von der Caritas hier und auch das nicht immer?, frage ich. Weil wir zu wenige MitarbeiterInnen haben, lautet die Antwort. Weil auch wir nie rechtzeitig wissen, wann Züge ankommen.

Ich erkläre dem Mitarbeiter unseren Ablauf. Ihr seid aber toll organisiert, bekomme ich zur Antwort. Ja, sage ich, die muslimische Gemeinschaft ist das vor allem. Die helfen zusammen. Ich erkläre Dinge, die ich selbst noch nicht lange weiß. Lasse Begriffe wie TAKVA und MJÖ fallen, IKZ – und erkläre wer wer ist. Wer wie hilft. Erkläre, was halal genau bedeutet. Ich erzähle von unseren jungen Übersetzern, die selbst als unbegleitete Minderjährige hierher kamen. Dass ich der Meinung bin, dass sie sogar wichtiger sind als unsere Bananen und Sandwiches. Sie geben Hoffnung. Denn sie kamen auch einmal hier an, sie wissen, in welcher Situation sich die Flüchtenden befinden. Aber sie zeigen auch, dass die Zukunft etwas bereit hält. Die ehemaligen unbegleiteten Minderjährigen sind heute Grazer – sie sind angekommen. Auch die Flüchtenden machen sich Sorgen, nicht nur die ÖsterreicherInnen. Sie fragen sich: Wie wird unser Leben aussehen? Werden wir uns im fremden Land zurecht finden? Wird der Neustart gelingen? Wird man uns aufnehmen? Unsere jungen Dolmetscher sind der Beweis dafür. Ein Beweis, dass Zukunft gelingt. Dass Integration gelingt. Unser ganzes Team ist der Beweis.

Der Caritas-Mitarbeiter ist beeindruckt und dankt uns. Ihr werdet hier gebraucht, sagt er, es wird noch Monate so weitergehen. Salzburg sei am Ende seiner Kapazitäten angelangt, man brauche Graz.

Es kommen noch 50 weitere Flüchtende. Geschwind werden die Lunchpakete auf den Gang gerollt. Es geht diesmal schnell, die Busse stehen bereit, keiner will umsteigen, alle fahren in die Schlafhallen. Wir schlichten das Lager abermals und begeben uns mit unseren 3 Syrern zum Bahnhof. Der Bekannte aus Wien wird erwartet. Am Bahnsteig lernen wir Asylwerber kennen – sie wohnen in Ehrenhausen. Graz gefällt ihnen, sie fühlen sich wohl in Österreich. Nur ein bisschen langweilig sei es in Ehrenhausen, lachen sie.

Am Bahnsteig kommt uns Tina entgegen. Ich lasse Okan und sie zurück – sie werden sich um ein Nachtquartier für die Syrer kümmern. Morgen geht es nach Wien.

Ich falle ins Bett und kann nicht schlafen. Sehe mir die Fotos des Tages an. Das kleine Mädchen zaubert ein Lächeln in mein Gesicht. Wer ist morgen am Bahnhof?, schreibt Senida in die WhatsApp Gruppe. Ich denke an die Frage, die uns der junge Journalist der Kleinen Zeitung stellte. Und was habt ihr gemacht, bevor ihr hier wart?

Ich sollte dringend ein paar Mails beantworten. Ich tue es gleich, sonst vergesse ich es wieder. Ich nehme mir vor, lange zu schlafen. Und wieder ein bisschen mein normales Leben aufzunehmen. Viele Dinge sind liegen geblieben. Muss an Senidas Satz denken: Es ist unsere Pflicht zu helfen.

Bleib zu Hause, Margarita, wir sind genug, gibt man mir heute morgen zur Antwort. Ich denke, das ist es, was wir alle lernen müssen. Dass wir ein Recht auf unser normales Leben haben, dass wir auch mit einer Freundin auf einen Kaffee gehen dürfen, dass wir unsere tägliche Arbeit verrichten dürfen – dass wir denen, die in unser Land flüchten, nur helfen können, wenn wir unsere Kraftreserven nicht zu schnell verpulvern.

Aber eines möchte ich noch sagen: Der Kontakt mit den Kriegsflüchtlingen hat mein Leben verändert. Meine eigenen Probleme sind geschrumpft. Na und?, sage ich mir, dann schaffe ich es halt nicht, sofort jede Mail zu beantworten. Die Leute in meinem Umfeld werden es mir nachsehen.

Neben mir zwitschert mein Smartphone. BORDERLESS schreibt: „Alle im Zug, es gab keine Probleme“. Die nächsten Züge aus Fehring werden am Bahnsteig erwartet. „Schaut bitte, es kann sein, dass Flüchtende aussteigen. Habt ihr noch genug Lunchpakete?“

Soviel zum Thema Smartphone. Ohne dieses Ding wäre unsere Plattform nicht so organisiert wie sie es ist. Und ohne mein neues Smartphone hätte der junge Syrer gestern keinen Kontakt zu den verlorenen Gruppenmitgliedern aufnehmen können. Es kostet mich nur eine kurze Minute in den Libanon – der Rest geht übers Internet. Und ich habe jetzt ein eigenes W-Lan für die Flüchtende auf meinem Handy. Es heißt Roger. „Do you know Roger Federer?“, fragte der Syrer, der die Einstellungen vornahm. Ich musste lachen. Bei Roger dachte ich an: Alles Roger. Es ist so leicht, Menschen ein bisschen zu helfen.

Margarita, 25.9.15

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