Ein Bericht von Clara Eröd

Am Donnerstag, 10.9.2015 waren wir wieder in „Action“. Wir haben entschlossen uns dem Grazer Konvoi nach Röszke anzuschließen. Nach einem Großeinkauf und wiederholtem Spendenaufruf am Donnerstag haben wir über 50 Isomatten, 250 Lebensmittelpakete, sehr viele Decken und Regenschutz, einige Schlafsäcke, Medikamente, Babynahrung von Spendengeldern besorgt (Fotos etwas weiter unten). Wieder wurde uns der Sprit und der Transporter von Günther, vom UMF-Heim Toscana, zur Verfügung gestellt. Clara, Helene und Rene waren die „ÜberbringerInnen“ eurer Spenden nach Röszke und haben uns einige Bilder und berührende Zeilen mit zurückgebracht:

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René, Helene und ich treffen uns um 6:00 in der Elisabethstraße um gemeinsam mit dem geplanten Konvoi im vollgepackten Auto nach Röszke (kleines Dorf in Ungarn, direkt an der Grenze zu Serbien) zu fahren, wo jeden Tag viele Flüchtlinge über die Bahngleise nach Europa kommen.

Es gab ein Missverständnis, der Konvoi startet erst um 7:30. Wir sprechen uns mit Nicola ab – sie gibt uns ihr ok früher loszufahren. „Ruft Bernhard an wenn ihr am Bahnhof seid, er wartet dort.“ Wir starten. Hoppla Polizei – nix schlimmes, wir dürfen über die Sperrlinie fahren. Helene hat eine Jause eingepackt.

Wir erreichen den Bahnhof Röszke. Wir finden keinen Bernhard, aber ca 20 frierende, hungrige Flüchtlinge, die gemeinsam mit einer Hand voll ungarische Polizisten auf einen Bus warten. Wir rufen Bernhard an, der am Bahnhof Szeget auf uns wartet – er sagt wir können hier bleiben, er kommt. Wir verteilen fertige Esspakete und Decken an die wartenden Menschen – die Polizei schaut zu. Die Menschen bedanken sich, erzählen von ihrer Reise, stellen sich vor, fragen was mit ihnen passiert. Eine Frau fragt nach Pampers – wir suchen und finden. Ich mache Fotos. Einige Menschen stellen sich zusammen, weil sie möchten, dass ich auch sie fotografiere, das wird mir heute noch öfter passieren.

Die Männer, Frauen und Kinder steigen in den Bus. Bernhard bringt uns nach Röszke, zu dem Feld an den Schienen.

Das „Lager“ in Röszke ist ein gatschiges Feld, auf dem Zelte stehen. Überall liegen Müll, Kleidung, Decken und Isomatten im Dreck – ich sehe auch eine Puppe.

In einigen größeren Zelten stehen Freiwillige, sortieren und geben Kleidung und Essen aus. Freiwillige aus Ungarn, Österreich, Deutschland, Großbritannien, der Schweiz… Es gibt niemanden der für das Camp verantwortlich ist, jeder tut so viel er kann, nach bestem Wissen und Gewissen.

Wir lassen das Auto stehen und helfen wo wir können. Das eine Kleidungszelt braucht Jacken und Schuhe, ich hole was wir haben aus dem Auto. Im Nebenzelt wird die Kleidung, die wegen des Schlamms dreckig geworden ist aussortiert- sie wird gewaschen und dann wiedergebracht. Helene sucht Mützen und Handschuhe für Kinder.

Ich schaue mich um und finde die Essensausgabe unter einem kleinen blauen Partyzelt (ich meine diese Zelte, die nur ein Dach sind). Gemeinsam mir ein paar Helfern bringe ich unsere Fresspakete dort hin. Die Ausgabe funktioniert hier gut. Eine Gruppe von Österreichern und Deutschen hat den Überblick.

Es gibt vor Ort Zelte von: Ärzte ohne Grenzen, den ungarischen Maltesern, UNHCR, Greenpeace, Privatpersonen die Kochen, Freiwilligen die Kleidung ausgeben.

Wir gehen den Menschen auf den Schienen entgegen – die Menschenmassen kommen pausenlos in mehr oder weniger großen Gruppen. Wir heißen sie willkommen, grüßen sie und geben ihnen alle Informationen die wir haben. Die Informationen ändern sich permanent – niemand weiß was wirklich passiert wenn sie in die Busse steigen, die im Lager alle 10 min fahren. Am Ende ist das das was wir ca sagen: „Welcome! You are safe here. Straight ahead are tents with water, food, clothes and doctors. No fingerprint and no registration here. There are buses – they bring you to a camp near the Austrian border. You don’t have to get in them. We don’t know if you have to give your fingerprints in the other camp, but we know that Germany and Austria havn’t send back any refugee to Hungary till now. You have to decide youself – we can’t tell you 100%. Situation changes all the time.” Und dann nochmal: „You are safe. No fingerprint here.” Manche glauben uns sofort, einige bleiben misstrauisch, ein paar wollen gar nicht ins Lager – sie versuchen sofort zu Fuß weiter zu kommen.

Helene und René sind inzwischen ein wichtiger Bestandteil des Essensausgabeteams. Davor haben sie Lebensmittel und Kleidungsspenden sortiert und verteilt. Ich mache alles für das man mich gerade einteilt.

Es ist schon fast dunkel, immer noch kommen Menschen an. Ich gehe noch mal auf die Schienen, begleite die Menschen auf den letzten Metern.

Eine Familie kommt mir entgegen: Der kleine Sohn am Arm des Vaters, die müde, weinende Tochter an der Hand der schluchzenden, erschöpften Mutter. Ich trage die Tochter, die Mutter deutet mir, dass sie schwanger ist – ihr Gesicht ist schmerzverzerrt. Wir machen uns Sorgen und bringen sie ins Medzelt. Erleichterung – der Dolmetscher hat übersetzt, die Schmerzen sind nur in Rücken und Beinen. Die Ärztin behandelt sie, die Tochter ist satt und zufrieden auf meinem Schoß eingeschlafen.

Es ist inzwischen Stockdunkel – wer etwas sehen will braucht eine Stirnlampe. Ich bringe den Menschen die sich nicht ins Lager trauen, weil sie Angst vor der Polizei haben Lebensmittel.

Ein Aufstand vor den Bussen. Einige Flüchtlinge wollen verhindern, dass die Busse fahren können, um die Anderen vor der potentiellen Registrierung zu schützen – die Polizei kreist sie ein, aber soweit ich gesehen habe keine Handgreiflichkeiten. Als wir um 10:00 heimfahren nach Graz ist die Situation vor den Bussen unverändert.

Wir kommen fix und fertig um 6:00 morgens in Graz an. Es war anstrengen und kräfteraubend. Wir haben beängstigende Zustände gesehen. Ich kenne niemanden, den der Zustand vor Ort nicht schockiert haben würde. Die Freiwilligen leisten großartige Arbeit und dennoch ist es unmöglich als Privatpersonen die Arbeit der Regierung einzunehmen. Es ist an der Zeit, dass sich etwas ändert in Europa! Dublin 3 ist gescheitert. Revolution.

(Ich habe bei sämtlichen Fotos die Erlaubnis eingeholt – Clara Eröd)

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