Ein Beitrag von Senida Alibegović

Es ist Freitag, ich komme von der Arbeit. Lese dauernd auf Facebook dass tausende flüchtende Menschen zu Fuß über die ungarische Grenze nach Nickelsdorf ankommen. Versuche krampfhaft einen direkten Kontakt mit jemandem vor Ort herzustellen, da sich die Nachrichten und Infos dauernd ändern und überschlagen. Nun, sitzen und warten hilft nichts. Endlich meldet sich eine sehr engagierte Dame aus dem Burgenland und liefert uns Infos. Ich telefoniere, kein Transporter verfügbar da unser zweites Team gerade in Röszge ist. Schnell melden sich Tuba und Muhlis und erklären sich bereit ihren Opel Zafira zur Verfügung zu stellen. Wir laufen, rennen kaufen ein. Veldin schließt sich an, möchte mit und fährt uns, da es eine Nachtfahrt ist und ich nachts nicht gerne und vor allem lange fahre freue ich mich sehr. Medina ist gerade einkaufen und bekommt von uns auch noch den Auftrag gleich 50 Konserven mitzunehmen. Schnell zum Möbelix, 30 Decken zum Einkaufspreis dank Geschäftsführer bekommen, ab zum Hofer. Eine Menge Müsliriegel, Semmeln, Wasser und Süßigkeiten mitnehmen. Wir treffen uns bei Tuba, packen alles ein, nehmen noch von Zuhause Jacken, Schuhe, Kleidung mit und fahren zu viert nach Nickelsdorf um 18:30 Uhr los.

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Martina aus dem Burgenland meldet, dass auf der B10 zwischen Schwechat und Nickelsdorf flüchtende Menschen unterwegs sind. Wir fahren von der Autobahn ab und suchen, schauen finden aber keinen. Später wird sich herausstellen warum.

Wir werden von der Polizei aufgehalten, Straßensperre. Wir bringen Spenden rufen wir und werden durchgewunken. Endlich beim Flugdach in Nickelsdorf angekommen, die Menschen kommen zu Fuß von Heygyeshalom (Ungarn) an. Was sollen wir machen, mit dem bisschen was wir im Auto haben. Wir entschließen uns das Auto stehenzulassen und ziehen unsere Warnwesten an. Langsam kommen uns Flüchtlinge Entgegen. Es sammeln sich Tränen in unseren Augen. Wir rufen „Assalamu Alaikum – ahlan wa sahlan“ – die flüchtenden Menschen fühlen sich Angekommen, lächeln nach unserem Gruß von einem bis zum anderen Ohr und rufen zurück „Wa alaykum selam, thank you thank you“. Schnell kommen sie zu uns und fragen uns, da sie denken wir sprechen arabisch. Leider nein, wir müssen uns mit Englisch herumschlagen. Die ofteste Frage die uns an diesem Abend gestellt werden wird, wird sein: „Fingerprint in Austria?“.

Wir schauen uns um. Manche tragen Sandalen, manche Flip Flops und manche Sneakers. Viele, sehr viele Kinder, Frauen und Babys. Schnell entscheiden wir uns Decken aus unserem Auto zu holen und verteilen ein paar. Auch Bananen verteilen wir – kein Andrang, alles läuft sehr harmonisch ab. Die angekommenen Flüchtlinge können entscheiden, entweder sie fahren mit dem Bus der sie dann auf verschiedenste Lager aufteilt, oder sie fahren mit Taxis die bereitstehen und emense Preise verlangen.

Wir gehen dem Grenzübergang näher und sehen eine große Menge Menschen. Sie stehen hinter Gitterzäunen und warten in einer Schlange auf den einstieg in die Busse. Lange. Sehr lange. Es ist kalt. Wir sprechen mit den Leuten vom Roten Kreuz. Uns wird erklärt hier nur das nötigste auszuteilen, vor allem Decken aufzubewahren, da manche vielleicht hier im freien übernachten müssen und es keine Decken gibt.

Ich denke an die verschiedensten Facebook Gruppen zurück, in denen dauernd von „Spendenannahmestopp“ und „Wir sind überfüllt mit Spenden“ geschrieben wird.

Nun, jetzt frierenden Menschen Decken zu verteilen oder aufzubewahren und dann denen die übernachten welche auszuteilen, ist eine sehr schwierige Entscheidung.

Wir teilen aus, denen die es am dringendsten Benötigen. Kindern, Babys, Frauen und Männern ohne Jacken. Auch die Polizei teilt fleißig mit aus. Nur läuft alles sehr unkoordiniert und unorganisiert ab. Keiner hat Antworten. Keiner weiß wie es weitergeht. Es gibt kein einziges Megaphon seitens der Polizei und es wird geschrieen, die Leute sind traumatisiert und haben angst. Es gibt keine offiziellen Dolmetscher, einpaar die man auf einer Hand abzählen kann sind freiwillig und privat vor Ort und übersetzen.

Veldin, der vor ein paar tagen die Situation in Röszge live erlebte versucht mich und Tuba zu beruhigen. Es ist hier super, ihr wisst nicht wie es dort aussieht.

Ein etwas älterer Mann läuft alleine Herum. Er hat keine Jacke – eine dünne Decke trägt er über sich. „Jacket?“ – Nein, wir haben keine, das Rote Kreuz auch nicht. Ich biete ihm noch eine Decke an – er bedankt sich herzlich und geht. Ich sehe nicht dass er Flip Flops trägt, Tuba weißt mich darauf hin. Wir haben keine Schuhe für ihn. Er wickelt sich währenddessen eine Decke um die Hüfte, die andere über seine Arme.

Tuba und ich gehen eine Runde um die Menschenmasse, sehen Leute auf dem Beton schlafen, Muhlis ist in der Menge verschwunden, versucht auf Kurdisch zu übersetzen, wärmt und haltet Babys. Schnell kommen uns ankommende Menschen entgegen. Sie laufen. Mit Sack und pack, allem was sie haben. Mir kommen die Tränen, ich muss einfach ausbrechen. Schnell beruhige ich mich und verteile Wasserflaschen.

Wir finden eine Familie mit 3 kleinen Kindern. Der Mann spricht kein Englisch, wir kein arabisch. Wir versuchen es – irgendwie.
„Nein, wir haben leider keine Hose für ihre Frau“ – sie trägt nur dünne Leggins, es ist eiskalt. Wir suchen und suchen, finden aber keine in den Rot Kreuz Kisten. Wieder „Fingerprints“ – ist die Frage.

Wir ziehen uns zurück, es ist zuviel auf einmal. Wir sind hilflos. Wir lernen leute vom Muslimischen Sozialdienst aus Wien kennen. Sie erzählen uns was am Donnerstag Abend sich abspielte. Tausende unter freiem Himmel schlafen am Beton. Übermüdet. Eine Frau trug sogar ihr totes Neugeborene von Serbien bis nach Österreich. Bekam in Nickelsdorf Blutungen und wurde vom Helikopter abgeholt. Bei der Landung dort versteckten sich die Menschen teilweise unter Autos. Verständlich, sie sagten ja auch sie kennen nur grüne Helikopter, gelbe nicht.

Wo ist Muhlis? In der Menschenmenge noch immer. Ich nehme ihm das Baby ab, ziehe ihm noch eine Plüschhose drüber, es friert. Nur in einer Decke und einem dünnen Strampler kam es nach Österreich. Eine andere Mutter sitzt vor der Absperrung der Polizei mit Baby und 3 Kindern. Die Kinder schlafen am Boden. Muhlis erzählt mir der Mann ist vor der Polizeiabsperrung und kommt nicht durch. Die Familie wird getrennt werden, da die Busse schon warten denke ich mir. Ab zum Polizisten der aus Sicherheitsgründen die Abstände in den Warteschlangen bewacht und den Vater rausgeholt, und den Sohn der mit dem Vater war.
Wenn wir dies nicht gemacht hätten, würde die Familie getrennt werden. Wie soll denn auch die Polizei dies vermeiden können, wenn es keine Übersetzer gibt.

Wir können nicht mehr helfen, wir laden noch unsere restlichen Spendenartikel aus Graz beim Roten Kreuz ab und entscheiden uns loszufahren. Veldin unser Fahrer bittet uns auch loszufahren, da es bis Graz auch kein kurzer Weg ist.

Das war nicht nur für mich, auch für Tuba, Muhlis und Veldin eine Erfahrung die wir in unserem ganzen Leben nicht vergessen werden. Wir haben nicht viel mitbringen können, es war ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber allein das Lachen nach dem Ruf von „Assalamu Alaikum“, ist uns Belohnung genug.

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