Ein Bericht von Clara Eröd

Graz, 5:45 Ich habe den Wecker nicht gehört. Ich beeile mich.

6:00 Ich treffe Helene und Támas vor der Haustüre. Das Auto ist bereits seit gestern beladen. Wir machen uns auf den Weg. Kaffeepause an der Tankstelle. Weiter. Vignette. Nochmal Kaffee.Wir gehen verschiedene Szenarien durch. Wir wissen nicht was uns erwartet.

Budapest, 12:00 Wir erreichen den Bahnhof Keleti. Auf den ersten Blick ruhig. Wir steigen aus, schauen uns um. Wir sehen Flüchtlinge am Bahnsteig. Sie warten auf den Zug. Sie sind müde. Wir fragen ob sie was brauchen. Sie sind versorgt. Raus aus dem Bahnhofsgebäude. Vorbei an Transportern mit Wasser. Die Treppen hinunter. Es ist alles organisiert. Hilfsgüter sind vorhanden und gut geordnet: auf Tischen, auf Bänken, am Boden, in Zelten. Lebensmittel, Kleidung, Getränke, Hygieneartikel, Babyartikel. Wir sprechen mit einem Freiwilligen von „Migration Aid“.
„Migration Aid“ und den vielen einzelnen Freiwilligen Helfern ist es zu verdanken, dass alles so geordnet vorgeht. „Momentan ist nicht viel los, aber am Abend komme neue Menschen an – danach werden die Vorräte aufgebraucht sein.“ Der Mann spricht ungarisch – Támas übersetzt. Wir dürfen unser Auto nach unten stellen. Der Freiwillige weist uns ein. Durch eine Unterführung. Links und rechts liegen/ sitzen/ stehen Menschen. Sie winken. Sie lachen. Sie schlafen. Wir steigen aus. Eine kleine Gruppe von jungen Männern kommt zu uns: „Do you have shoes?“. „Yes“. Ich weiß die Schuhe sind im Auto ganz oben. Der Mann tauscht seine abgelatschten Schlappen gegen Sportschuhe in gutem Zustand. Das Prozedere wiederholt sich. Ich frage nach den Schuhgrößen. 41, 42, 43. „Thank you.“ Wir fahren noch Näher zum Lager von „Migratin Aid“. Eine Frau fragt nach einem größeren Rucksack – ich leere eine große Tasche und gebe sie ihr. Wir verteilen gezielt: Jacken, lange Shirts, Hosen. Einige Pakete mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln verteilen wir an die Menschentraube, die sich um uns gebildet hat. Diverse Babynahrung, Hygieneartikel, Konserven geben wir „Migratin Aid“. Die Dinge werden dringend gebraucht, aber noch nicht jetzt. Die nächsten Flüchtlingsgruppen werden am Abend erwartet. Das Auto ist leer- wir stellen die Sitze auf. Wir haben wieder Platz.

Wir schauen uns um. Es ist ruhig. Eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern sitzt am Boden auf einem Teppich. Sie basteln Armbänder aus Bügelperlen und Wolle. Freiwillige aus Ungarn verteilen im Vorbeigehen Sandwiches oder Pizza. Reporter aus verschiedenen Ländern stellen Fragen: den Flüchtlingen, aber auch uns. Wir denken, dass unter ihnen auch Zivilpolizisten sind. Wir sprechen mit einem Polizisten über den privaten Transport von Flüchtlingen und die rechtliche Lage – „Es kommt darauf an, wer euch aufhält.“ Kinder und Jugendliche spielen Ball. Einige Leute machen Musik: Menschen tanzen – es ist egal woher sie kommen. Wir sehen Babys. „My husband is getting tickets to Germany“. Wir sprechen mit den Helfern. „Heute ist es ruhig.“ Das finden wir auch. Die Situation ist für mich neu, Helene hat schon Flüchtlinge in mehreren Ländern gesehen – sie weiß, dass es noch viel schlimmer sein kann. Das sind Dimensionen, die ich mir nicht vorstellen kann. Ich finde es wahnsinnig angsteinflößend und grausam wie die Menschen hier am Boden schlafen müssen. Aber es ist die Realität. Trotzdem sind wir überrascht. Es hat sich was getan in Budapest. Die Ungarn tun ihr bestes um ohne der Hilfe der Regierung eine gute Umgebung für die Flüchtlinge zu schaffen. Wir haben außnahmslos zuvorkommende, freundliche, offene Menschen getroffen.

Wir überlegen jemanden mitzunehmen – im Auto ist noch Platz. Wir telefonieren, fragen unsere Freunde, Bekannte, JornalistInnen aus Österreich und Ungarn. Wir entscheiden uns dafür. Hier sind Menschen die Hilfe brauchen. Menschen die weg wollen aus Ungarn. Wir suchen. Die Gruppen sind zu groß. Familien wollen nicht zerissen werden. Wir fragen Menschen ob sie mitkommen wollen. Viele haben schon Tickets.

Ein Mädchen sitzt am Boden. Neben ihr liegt ihre schlafende Mutter – sie schaut krank aus. Sie spricht kein Englisch. Ein anderer Flüchtling hilft – er kann Farsi, er dolmatcht. Das Mädchen hat noch 2 Geschwister hier. Ihre beiden kleineren Brüder sind noch im Iran bei der Großmutter – die Flucht war für sie zu gefährlich. Wir schildern ihr die Situation, auch das es Probleme geben könnte. Das Mädchen realisiert was wir sagen. Sie hat Tränen in den Augen. Tränen der Hoffnung. Sie weckt die Mutter, die Anderen kommen. JA, sie möchten mitkommen. Wir steigen zu 7 ins Auto: Ganz hinten die Mutter und der Bruder (17), in der Mitte ich und die Mädchen (10,12) und vorne Támas und Helene. Sie freuen sich. Sie kommen der Schweiz näher – dort ist ihr Papa. Auf der Fahrt grinsen wir uns an. Die Mädchen deuten mir, dass ihnen meine Ohrringe und Tätowierungen gefallen – ich bewundere ihre kunstvoll bemalten Fingernägel. Die Ältere der Mädels gibt mir stolz zu verstehen, dass sie die Nägel ganz alleine bemalt hat. Ich darf etwas in ihr rosa Tagebuch schreiben „ Love from your austrian friend Clara. Thank you for being such amazing strong girls! If you need anything – call me.“. Ich gebe ihnen meine Telefonnummer und Adresse. Die Mädchen teilen ihre Süßigkeiten. Der Junge schenkt jedem von uns ein Armband. Alle freuen sich. Immer noch grinsen wir. Die Familie ist müde – irgendjemand von ihnen schläft meistens. Raststation – Klopause. Wir sehen Polizeiautos und werden nervös. Bald sind wir bei der Grenze.

Österreich! Wir klatschen und jubeln. Tankpause mit Weckerln. Wien. Wir fahren zu meinen Großeltern. Dort haben unsere 4 müden Mitreisenden die Möglichkeit zu duschen und in einem warmen Bett zu schlafen. Sie können auch mit dem Vater sprechen – er sagt er kommt morgen zu ihnen nach wien. Die Mädchen sehen die Badewanne – diesen Blick werde ich nie vergessen. Wir essen noch Alle zusammen. Pizza und Nudeln. Eine Zigarette zum Abschied. Umarmungen zum Abschied. Morgen wird meine Oma sie zum Bahnhof begleiten. Wir sind gespannt!

Heimreise nach Graz. Wir reden. Wir schreiben auf. Wir reflektieren. Unser Tag war eine Momentaufnahme. Die Situation ändert sich täglich. Die Situation ändert sich stündlich. Es wird nicht leichter. Wir sind uns einig. Etwas muss passieren. Revolution.

Nachtrag:

7.9.2015 Die Familie ist in Wien vereint.

 

Advertisements